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cruiser
DAS GRÖSSTE
SCHWEIZER
GAY-MAGAZIN
MÄ RZ 2 018 CHF 8.10
cruiser
DAS GRÖSSTE
SCHWEIZER
GAY-MAGAZIN
SCHWULE
VORBILDER
Auf der Suche
nach einem Idol
COMING-OUT
Schwieriger denn je?
POLITIK
SVP will LGBT*-Zählung
PrEP
Moralinsaure Gesundheitsdiskussion
Are you
on PrEP?
Ein PrEP-Medikament schützt dich genauso gut vor einer
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3
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
IMPRESSUM
CRUISER MAGAZIN PRINT
ISSN 1420-214x (1986 – 1998) | ISSN 1422-9269
(1998 – 2000) | ISSN 2235-7203 (Ab 2000)
Herausgeber & Verleger Haymo Empl, empl.media
Infos an die Redaktion redaktion@cruisermagazin.ch
Chefredaktor Haymo Empl
Stv. Chefredaktorin Birgit Kawohl
Bildredaktion Haymo Empl, Astrid Affolter. Alle Bilder
mit Genehmigung der Urheber.
Art Direktion Astrid Affolter
Agenturen SDA, DPA, Keystone
Autor_Innen Vinicio Albani, Anne Andresen, Yvonne
Beck, Haymo Empl, Andreas Faessler, Patrick Hadi Huber,
Stephan Inderbitzin, Birgit Kawohl, Moel Maphy, Mirko,
Michi Rüegg, Alain Sorel, Johannes Schmitt-Tegge,
Peter Thommen (online)
Korrektorat | Lektorat Birgit Kawohl
Anzeigen anzeigen@cruisermagazin.ch
Christina Kipshoven | Telefon +41 (0)31 534 18 30
WEMF beglaubigte Au age 11 539 Exemplare (2016)
Druck Druckerei Konstanz GmbH
Wasserloses Druckverfahren
REDAKTION UND VERLAGSADRESSE
Cruiser | Clausiusstrasse 42, 8006 Zürich
redaktion@cruisermagazin.ch
Telefon +41 (0)44 586 00 44 (vormittags)
Haftungsausschluss, Gerichtsstand und weiterführende
Angaben auf www.cruisermagazin.ch
Der nächste Cruiser erscheint am 6. April 2018
Wir vom Cruiser setzen auf eine grösstmögliche Diversität
in Bezug auf Gender und Sexualität sowie die Auseinander-
setzung mit diesen Themen. Wir vermeiden darum sprach-
liche Eingriffe in die Formulierungen unserer Autor_Innen.
Die von den Schreibenden gewählten Bezeichnungen
können daher zum Teil von herkömmlichen Schreibweisen
abweichen. Geschlechtspronomen werden entsprechend
implizit eingesetzt, der Oberbegriff Trans* beinhaltet
die entsprechenden Bezeichnungen gemäss Medienguide
«Transgender Network Schweiz».
INHALT
4
VORBILDER
AUF DER SUCHE NACH EINEM IDOL
9
POLITIK SVP WILL LGBT*-ZÄHLUNG
11
KOLUMNE MICHI RÜEGG
12
KULTUR SCHAUSPIELHAUS
14
KULTUR KURZNEWS
16
THEMA LGBT* IM ALTER
18
SERIE IKONEN VON DAMALS
20
NEWS NATIONAL & INTERNATIONAL
22
LIFESTYLE CRUISER ZU BESUCH BEI…
24
KOLUMNE MIRKO
26
KULTUR BUCHTIPP
27
SZENE GAY-SERIENMÖRDER
28
PREP MORALINSAURE
GESUNDHEITSDISKUSSION
29
KOLUMNE MIRKO
30
GESELLSCHAFT COMING-OUT
33
RATGEBER DR. GAY
34
FLASHBACK CRUISER VOR 30 JAHREN
EDITORIAL
Liebe Lesende
Cruiser hat in der letzten Ausgabe ausführlich über die Stadtpolizei Zürich
und ihre Schnüffelmethoden auf Internet-Gay-Dating-Portalen berichtet.
Der Artikel von Michi Rüegg fand nicht nur in der Tagespresse Beachtung,
sondern hat auch auf politischer Ebene etwas bewegt: Eine schriftliche
Anfrage der Alternativen Liste (AL) Zürich an den Stadtrat will unter ande-
rem eine Krung der juristischen Grundlage für dieses Vorgehen. Cruiser
bleibt diesbezüglich natürlich am Ball und wir setzen alles daran, dass wir
nicht wieder in Zeiten zurückfallen, die für alle ungut waren. Derzeit gibt
es verschiedene extreme Stossrichtungen auf politischer Ebene, einmal
mehr hat die SVP mit dicker Post in der Ratspost für Aufsehen gesorgt:
Mehr dazu auf Seite 9.
Unsere Politiker könnten eigentlich für eine ganze Generation Vorbilder
sein. Das ist aber meistens nicht so. Was es braucht, um ein «Vorbild»
zu sein und weshalb es sich schwierig gestal-
tet, ein «Vorbild» für LGBT*-Menschen zu
nden, zeigt unsere Titelgeschichte. Und damit
diese Ausgabe nicht ganz so «schwer» wiegt,
haben wir erhellendes und mehr oder minder
un nützes Wissen in unseren «Ikonen von
damals» auf Seite 18.
Herzlich; Haymo Empl, Chefredaktor
4
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
VORBILDER
AUF DER SUCHE NACH EINEM IDOL
Superman, Ronaldo oder doch der grosse Bruder? Menschen brauchen Vorbilder
und suchen sich welche. Wer kommt hier für Schwule in Frage?
Schwule Vorbilder:
Auf der Suche
nach einem Idol
VO N B I RG I T K AW OHL
W
er erinnert sich nicht an ewig lange
Diskussionen mit Freunden in der
Kindheit, in denen es darum ging,
wer denn der coolste der der drei Fragezei-
chen war oder ob man nun Tarzan oder Karl
von TKKG favorisierte. Jeder hatte damals
seine feste Meinung dazu, was zur Folge
hatte, dass es vor allem unter Geschwistern
häuger zu nicht immer ganz körperlos aus-
getragenen Auseinandersetzungen kam.
Man versuchte, seinem Idol in allem zu ent-
sprechen, redete wie dieses, übernahm
dessen Hobbys, auch wenn dies manchmal
ans Absurde grenzte. Gut, gab es damals
meist noch keine Verlmungen, sodass sich
das heute übliche Merchandising in Gren-
zen hielt. Aber was passierte da eigentlich,
dass man plötzlich eine llig unbekannte
Person bzw. eine Kunstgur anhimmelte?
Wie kommen insbesondere Schwule zu ih-
ren Idolen? (Die hier gehlte Fokussie-
rung erfolgt aus rein platztechnischen
Gründen und kann inhaltlich vielfältig
übertragen werden.)
Vorbilder sind entwicklungspsycholo-
gisch etwas ganz Normales und sogar Not-
wendiges. Die Psychoanalytikerin und Ärz-
Die Suche nach einem Vorbild gestaltet sich bei Homosexuellen komplexer als bei Heterosexuellen. Identifikationsfiguren sind aber wichtig für den Coming-out-Prozess.
5
VORBILDER
AUF DER SUCHE NACH EINEM IDOL
A N ZE IG E
tin Margarete Mitscherlich (1917-2012)
sagte: «Ich glaube, sie [Vorbilder] sind ein
menschliches Urbedürfnis. Wir werden als
total hilose Wesen geboren, und deshalb
brauchen wir Erwachsene, die mit der Welt
zurechtkommen und an denen wir uns ori-
entieren können. Ausserdem brauchen wir
Ideale, nach deren Verwirklichung wir stre-
ben können. Sonst sind wir einem Gefühl
der Leere ausgesetzt.» Umgekehrt ist es dar-
um häug so, dass Kinder, die ohne solche
Vorbilder aufwachsen, weil sie beispiels-
weise in zerrütteten Familien mit ihrerseits
hilosen Eltern leben oder sich eben auf-
grund der eigenen sexuellen Orientierung
mit einer Identizierung schwer tun,
schnell die Richtung verlieren und nicht sel-
ten in irgendeiner Form von Sucht oder psy-
chischen Schwierigkeiten landen. Hier mag
einer der Gründe dafür liegen, dass Homo-
sexuelle tendenziell als suchtanfälliger gel-
ten als ihre heterosexuellen Geschlechtsge-
nossen, wie es Gisela Wol in ihrer kürzlich
erschienenen Abhandlung «Substanzge-
brauch bei Queers» dargestellt hat.
Laut Sigmund Freud geht es bei der
Vorbildsuche um einen psychodynami-
schen Prozess, in dem es zur Angleichung
des eigenen Ichs mit dem Vorbild kommt.
Die ersten Vorbilder von Kindern sind daher
meist die eigenen Eltern bzw. andere nahe-
stehende Personen aus dem sozialen Um-
feld, deren Verhalten von den Kindern zu-
nächst unreektiert nachgeahmt wird. Von
diesen Personen lernen die Kinder, wie man
mit bestimmten Situationen umgeht und
sich so in der komplexen Welt zurechtnden
kann. Dies beginnt mit einfachen Tätigkei-
ten wie Essen und Trinken, dehnt sich aber
auch auf Problemsungen aus, zum Bei-
spiel, wenn das kleine Kind im Dunkeln
Angst hat und alleine ist. Dann wird sich da-
ran erinnert, was Papi und Mami in solch
einer Situation machen. Ab der eigenen Ge-
schlechtswahrnehmung mit ca. zwei Jahren
bevorzugen Kinder eine Person des eigenen
Geschlechts als Vorbild, ohne dass man dies
explizit in den Familien thematisiert. Hier-
bei scheint es sich also um ein angeborenes
Verhalten zu handeln. Dies wird von Geg-
nern der Freigabe von Adoptionen für Ho-
mosexuelle auch immer gerne als Argument
genommen, denn wie soll sich ein armes
Mädchen an zwei schwulen Vätern orientie-
ren können, notabene ein kleiner Bub an
zwei lesbischen Müttern? Muss nicht viel-
mehr zwangsläug ein Junge in einem
schwulen Haushalt auch schwul «werden»?
Dazu kann man kontern: Heutzutage wach-
sen sowieso kaum noch Kinder in einer
«klassischen» Familie auf, viel wahrschein-
licher ist ohne Rücksicht auf das Ge-
schlecht des Kindes das Aufwachsen bei
einem Elternteil, meist bei der Mutter. Be-
kommt ein Junge in solch einer Konstella-
tion auch zu viel Weiblichkeit mit auf sei-
nen Lebensweg? Eine geschlechtskonforme
Vorbildfunktion ist hier also in vielen Fällen
ebenfalls kaum möglich. Zweitens ist eben-
so erwiesen, dass Kinder, die bei homose-
xuellen Eltern aufwachsen, keinesfalls eine
höhere Wahrscheinlichkeit haben, schwul
oder lesbisch zu werden. Und übrigens, was
re so schlimm daran? Dankenswerter-
weise gilt Homosexualität im Jahr 2018
nicht mehr als Krankheit, sondern als gene-
tisch bedingte Abweichung von der Hetero-
sexualität, wobei Abweichung hier vollkom-
men wertneutral zu verstehen ist.
Wo sucht man nach Vorbildern?
Allerdings muss man zugeben, dass es
Schwulen von Anbeginn an durchaus er-
schwert wird, eine Identikationsgur zu
nden, eben gerade weil sie ziemlich wahr-
scheinlich keine zwei Väter haben und sich
unter Umständen somit relativ lange wenn
schon nicht wie Aliens, dann doch zumin-
dest als irgendwie anders oder nicht stimmig
fühlen. So beklagte sich der Schauspieler
Adam Lambert nach seinem Coming-out,
dass ihm immer schwule Vorbilder gefehlt
hätten, ausser Elton John und George Mi-
chael seien da nicht viele infrage gekommen.
r viele mag diese Auswahlmöglichkeit ge-
radezu wie eine (Be)Drohung klingen und es
erleichtert sicherlich nicht die Akzeptanz in
einer heteronormativ geprägten Peergroup,
wenn man diese Idole öentlich preisgibt.
Popstars sind die
Identifikationsfigur Nummer 1.
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6
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
Denn je älter das Kind wird und je
mehr Aussenkontakte es üblicherweise be-
kommt (Krippe, Spielplatz, Schule), desto
mehr wandeln sich die Vorbilder, weg von
der Familie hin zum sozialen Umfeld oder
sogar zu Idolen, die das Kind gar nicht per-
sönlich kennt. Dies können Sportler, Musi-
ker, Schriftsteller, aber auch Gruppen, Insti-
tutionen sowie z. B. eine Religion oder sogar
ktive Figuren sein.
Bei einer im Dezember 2016 durchge-
führten Umfrage in der Schweiz («Welche
Persönlichkeiten hlen Sie am ehesten zu
Ihren Vorbildern?» Nur eine Antwort war
möglich.) unter knapp 14 000 14- bis 24-Jäh-
rigen kam heraus, dass Nummer eins unter
den Vorbildern Sportler sind (21 %), gefolgt
von den eigenen Eltern (18 %). Mit immerhin
7 % landeten nger auf Platz 5 der Hitliste.
Dass es «nur» Platz 5 wurde, mag erstaunen,
da man bei dem Wort Idol häug als Erstes
das Bild des kreischenden, nahezu in Ohn-
macht fallenden meist weiblichen Teen-
agers im Kopf hat. Dieses Bild ist auch gar
nicht so falsch, gelten doch Popstars, unab-
ngig von obiger Untersuchung, als Identi-
kationsgur Nummer 1 bei Teenagern. Das
liegt laut dem Psychologen Dr. Martin Hup-
pert daran, dass sich Musik für die Identi-
kation besonders eigne, da sie zum einen Teil
der Lebensrealität von Jugendlichen sei, zum
anderen gleichzeitig ein Gemeinschaftsge-
fühl sowie Modetrends vermittle. Mädchen
gingen dabei relativ schnell von der ding-
lichen Wahrnehmung (also z. B. den objekti-
ven Gesangskünsten) zu einer gefühlsmässi-
gen Beziehung über, und genau eben diese
«Verliebtheit» löse die im Folgenden wahrge-
nommenen Hysterien aus. Dass man dabei
häug Mädchen im Blick hat, mag auch dar-
an liegen, dass sich diese mehr trauen, ihre
Gefühle in der Öentlichkeit auszuleben. Da
sich – auch der schwule – männliche Jugend-
liche nicht als «Mädchen» beschimpfen las-
sen will, erfolgt hier die Verehrung meist im
häuslichen Bereich. Ganze Zimmernde
werden mit Postern zugekleistert und zur
Musik werden alle möglichen Moves und
Choreograen einstudiert.
Bei der oben genannten Umfrage fehl-
te allerdings die Dierenzierung zwischen
den Geschlechtern sowie – und das erstaunt
nicht sehr – die Frage nach der sexuellen
Orientierung. Man kann vermuten, dass die
Nicht alle Schwulen wollen sein
wie Harald Glööckler.
VORBILDER
AUF DER SUCHE NACH EINEM IDOL
Vorbilder können helfen, für sich selbst eine stimmige Identität zu erlangen.
Eine repräsentative Umfrage hat ergeben, dass für die heterosexuellen jungen Männer Sportler eine starke
Vorbildfunktion einnehmen. Wer bei jungen Gays diese Lücke füllt, ist nicht bekannt.
7
Reihenfolge bei schwulen Jugendlichen
eine andere wäre. Womit sst sich diese
Vermutung begründen? Zum einen outen
sich Popnger oftmals früher als Homose-
xuelle anderer Berufsgruppen, da sie als
nstler mehr Freiraum für «Spleens» ge-
niessen und bieten daher eine echte Chance
für eine Identikation auf mehreren Ebe-
nen. Die Möglichkeit für schräge Outts
und die hnenpräsenz können weitere
Faktoren darstellen. Zudem spielen hier
Emotionen eine grosse Rolle. Der schwule
Jugendliche kann in eine andere Welt ein-
tauchen, in der er sich nicht mehr so «falsch»
vorkommt wie in der realen, auch wenn es
sich dabei oftmals um eine Scheinwelt han-
delt. Popsongs sprechen Dinge an und aus,
die man sich im echten Leben nicht zu sa-
gen trauen würde.
Nach dem US-amerikanischen Sozio-
logen Robert K. Merton (1910-2003) suchen
Jugendliche nach einem «role model», das
ein Muster für spezische Rollen abbildet,
und nach reference individuals. Hierbei
handelt es sich um Bezugspersonen, bei de-
nen es mehr um das Muster für eine gene-
relle Lebensweise geht. Diese Suche führt
schwule Jugendliche dann manchmal auf
verschlungene Wege, an deren Ende die
Zeit, in der man einem bestimmten Idol
nacheiferte, oft nur belächelt werden kann.
Auf der Suche nach einem Idol
Das Finden eines passenden Idols gestaltet
sich für Schwule häug schwieriger als für
heterosexuelle Männer, da sie aus verschie-
denen Gründen weniger Vorbilder als die
Heterosexuellen beim eigenen Geschlecht
nden können. Dies liegt zum einen ganz
lapidar an dem Verteilungsverhältnis hete-
ro-homosexuell. Gemäss einer Umfrage des
Berliner Start-up-Unternehmens Dalia in
den EU-Mitgliedstaaten liegt in Deutsch-
land der Anteil der LGBT-Menschen mit
7,4 % am chsten und wird mit den
Zahlen in der Schweiz vergleichbar sein,
hrend sich in Ungarn nicht einmal 2 % zu
dieser Gruppierung bekennen. Dieser Un-
terschied macht schon deutlich, dass die
ermittelten Werte eher mit Vorsicht zu ge-
niessen und ziemlich sicher von der politi-
schen Situation im jeweiligen Land abhän-
gig sind, der tatchliche Anteil an queeren
Menschen liegt sicherlich über diesen hier
genannten Prozentsätzen. Aber selbst wenn
man von einem Verhältnis von 1:10 ausgeht,
erkennt man, dass ein schwuler Jugendli-
cher sehr viel nger suchen muss, um ein
passendes Vorbild innerhalb seiner Sexuali-
tsgruppe zu nden. Und nicht nur das
genetisch bedingte Verteilungsverltnis
bedingt diese Schwierigkeit, wie man aus
obiger Umfrage erkennen kann. Dass je-
mand schwul ist, bedeutet ja noch lange
nicht, dass er sich als schwul zu erkennen
gibt, schon gar nicht immer und in jeder Si-
tuation. Wenn man Menschen kennenlernt,
fragt man eher selten als Erstes nach dessen
sexueller Orientierung (ausgenommen sind
Dating-Plattformen o. Ä.), warum sollte man
auch? Dies sst einen Orientierung suchen-
den Jugendlichen aber lange zweifelnd in
der Luft hängen und macht ihm die Vorbild-
suche nicht gerade einfacher. Erschwert
wurde die Identikation schwuler Jugend-
licher in den letzten Jahrzehnten zudem
durch AIDS, das mehr oder weniger eine
ganze schwule Generation eliminiert hat.
A N ZE IG E
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8
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
VORBILDER
AUF DER SUCHE NACH EINEM IDOL
Die nachfolgende Generation musste sich
dementsprechend erst wieder eine eigene
Basis für schwules Verhalten und schwules
Leben schaen und wurde hierbei zumeist
noch von Ängsten bedngt und vom Un-
verständnis der übrigen Gesellschaft be-
gleitet. Diesen Umstand darf man aller-
dings nicht nur negativ sehen: Immerhin
konnte so eine sehr viel eigenständigere
und fortschrittlichere Entwicklung be-
schritten werden, als sich dies wahrschein-
lich mit den lebenden Vorbildern der dama-
ligen Zeit hätte erreichen lassen. Man kann
zumindest feststellen, dass sich innerhalb
der schwulen Kultur einiges gewandelt hat.
Hatte man noch Ende des letzten Jahrhun-
derts bei dem Begri«Schwuler» meist eine
überdrehte Partytunte im Kopf, die in einer
Disco zu später Stunde im Glitzerkostüm
eine eigenwillige Performance eines ABBA-
Songs oder eines Boy-George-Lookalikes
abgab, sst sich dieser Begrimittlerweile
nicht mehr so einfach mit Klischees llen.
Vielmehr weist die queere Welt nun eine
oensichtliche Vielfalt auf, die der hetero-
sexuellen Welt in nichts nachsteht.
Woran haben sich aber diese «neuen»
Schwulen orientiert, wie haben sie es ge-
schat, eine für sie stimmige Identität zu er-
langen?
Schwule Vorbilder im Wandel
Zum einen ist es so – und damit wird an die-
ser Stelle kein Geheimnis verraten –, dass
ein Individuum aus mehr als Sexualität be-
steht. Für frühere homosexuelle Generatio-
nen war das Demonstrieren der Sexualität
aber essentiell, man war zunächst schwul
und dann Bibliothekar oder Squashspieler.
Dies war nötig, um der eigenen Sexualität
Gehör zu verschaen, um Ungerechtigkeit
aus der Welt zu räumen, um zu zeigen, dass
es mehr gab, als das propagierte Familien-
bild der Mitte des 20. Jahrhunderts. Um sich
aber so oen zur eigenen Homosexualität
zu bekennen, brauchte es eine gehörige Por-
tion Selbstbewusstsein und den Wunsch
zur Selbstdarstellung. So wurden von der
Gesellschaft meist die exaltierten Schwulen
wahrgenommen, die sich eben gerne in
möglichst bunten Facetten präsentierten.
Mit der Zeit ging man mit sexuellen
Vorlieben und Bedürfnissen weitaus oener
um, seien es SM-Praktiken, Swingerclubs
oder queere Lebensformen. In Folge dessen
war es für Schwule nicht mehr unbedingt
notwendig, sich ausschliesslich über die ei-
gene Sexualität zu denieren, man konnte
auch primär Bankmanager sein und zudem
schwul. Dies wiederum erleichterte das Fin-
den einer Identikationsgur zumindest für
den nicht sexuellen Teil im Leben. Plötzlich
traute man Schwulen auch zu, Politiker zu
sein (siehe den ehemaligen Berliner Ober-
rgermeister Klaus Wowereit), weil man
eben nicht mehr als Erstes ein Dragqueen-
Outt im Kopf hatte, sondern vielmehr nach
der bisher geleisteten politischen Arbeit frag-
te. Also genauso, wie man es bei einem hete-
rosexuellen Politiker auch macht. Indem in-
zwischen oen schwul Lebende vermehrt in
allen möglichen Lebensbereichen auftreten,
bietet sich für schwule Jugendliche eine
wachsende Bandbreite an Identikations-
guren an. Dies wiederum qualiziert auch
Homosexuelle immer mehr dazu, Elternrol-
len zu übernehmen, sie haben gelernt, als
ernst zu nehmendes Vorbild zu agieren, egal
für welches Geschlecht. Dies können sie so-
gar sehr viel besser und einfühlsamer, weil
sie zumeist selbst in der Pubertät mit viel
grösseren Schwierigkeiten als ihre heterose-
xuellen Altersgenossen zu kämpfen hatten.
Um nun nicht den Eindruck aufkom-
men zu lassen, die Welt sei für Schwule in-
zwischen ein rosarotes Wolkengebilde mit
jeder Menge passender Idole und keinen Pro-
blemen in der Akzeptanz der Person und der
Sexualität, sei an dieser Stelle der Einwand
gestattet, dass es natürlich immer noch Be-
reiche gibt, die Homosexuellen weitgehend
verschlossen sind, bzw. zu denen sie nur
erschwert Zugang erhalten, was wiederum
dazu führt, dass sich hier nur wenige Vor-
bilder für sie nden lassen. Während es im
kulturellen Bereich klassischerweise nur so
von – erfolgreichen – Vorbildern wimmelt,
sich die Situation auf Seiten des Sports lang-
sam entspannt, bleibt die Suche im Wissen-
schaftsbereich immer noch deutlich schwie-
riger. Im universitären Bereich sind Homo-
sexuelle weiterhin unterrepräsentiert, sogar
das Beschäftigen mit diesem emenbereich
erschwert in vielen Fällen die Aufstiegschan-
cen (Stichwort «Betroenheitsforscher»). Die
bereits in gehobenen Positionen festsitzen-
den Heterosexuellen schotten sich aus karri-
eretechnischen Gründen so geschickt nach
aussen ab, dass wohl noch einige Zeit verge-
hen wird, bis auch hier ein freierer Umgang
miteinander gelingen kann. Darum re es
besonders wichtig, dass Homosexuelle dort
zu ihrer sexuellen Orientierung stehen, um
den Teufelskreis zu durchbrechen und zum
Vorbild zu werden.
Wahrscheinlich ist es aber letztend-
lich weniger wichtig, wen man als Vorbild
hat oder ob man überhaupt jemals eins
hatte. Essentiell ist immer noch das eigene
Selbstwertgefühl und das Vertrauen in sich
und die eigenen Fähigkeiten, denn bei nicht
wenigen Idolen ist irgendwann auch einmal
der Lack ab.
Madonna war sicher für viele Jugendliche der 80er-Jahre das Top-Vorbild.
9
POLITIK
SVP WILL LGBT*-ZÄHLUNG
SVP will wissen, wie viele Trans*-Personen
Asyl beantragen
Manchmal lohnt es sich, unseren Gemeinderäten etwas genauer auf die Finger
zu schauen. Für Stirnrunzeln sorgt eine Anfrage der SVP. Spätestens bei der
«islamistischen Bedrohung» im Zusammenhang mit «transgender» kommt man
ins ungläubige Staunen.
VO N PAT RI C K H A D I H U B E R*
D
er Stadtrcher Gemeinderat hat im
November mit breiter Mehrheit ei-
nen Vorstoss von Alan David Sangi-
nes und Marco Denoth überwiesen, der die
separate Unterbringung von LGBT-Asylsu-
chenden fordert, beispielsweise in Wohn-
gemeinschaften. Zwei SVP-Gemeinderäte
wollen jetzt in einer schriftlichen Anfrage
an den Stadtrat wissen, wie viele LGBT-
Asylsuchende in der Stadt Zürich leben.
Die Zahlen seien fein säuberlich nach
Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans-
menschen zu sortieren und di erenziert
nach Ankunftsjahr und Herkunftsland tabel-
larisch aufzulisten. De facto wird eine h-
lung der LGBT in unseren städtischen Asyl-
strukturen gefordert, was einem Rückschritt
in die Zeit des Schwulenregisters gleich-
kommt. Fehlt nur noch, dass der jeweilige
Lebenswandel erfragt wird und tabellarisch
aufzulisten ist, wann wer mit wem verkehrte.
Die Anfrage ist gefährlich, weil schon in der
Debatte klar wurde, dass es wenige Fälle gibt.
Was macht die SVP dann mit dieser nutzlo-
sen Information? Will sie diese Einzelfälle
aus ndig machen, ö entlich outen, bloss-
stellen? Absurd.
Noch absurder mutet ihre Begründung
an. Über das Asylwesen kämen Personen in
die Stadt, die äusserst intolerant gegenüber
der westlichen Lebensart seien. Ernsthaft?
Die jüngste absolut homophobe Ent-
gleisung in unserer Stadt bezüglich LGBT
kam von einem gewissen Daniel Regli, einem
Fraktionsmitglied der SVP, der sich seinen
Ist PrEP etwas
für mich ?
myprep.ch
De facto wird eine Zählung der
LGBT in unseren städtischen
Asylstrukturen gefordert, was
einem ckschritt in die Zeit
des Schwulenregisters gleich-
kommt.
A N ZE IG E
10
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
POLITIK
SVP WILL LGBT*-ZÄHLUNG
Analmuskel-Spruch in der Budgetdebatte
nicht verkneifen konnte und damit in bei-
nahe allen Schweizer Medien zurecht Spott
und Empörung erntete. Kein einziges Frak-
tionsmitglied hat sich danach von Reglis
Aussage distanziert, schon gar nicht die bei-
den Gemeinderäte, die jetzt mit dieser An-
frage noch nachdoppeln.
Ausgerechnet die SVP empört sich,
dass es dem Stadtrat nicht genge, den
«Asylsuchenden unsere Werte, Kultur,
Rechte und Pichten zu vermitteln».
Verkehrte Welt: Gesellschaftsliberale
Menschen scheitern seit Jahren daran, den
SVP-Exponenten solche Werte zu vermit-
teln. Zudem ist es dieselbe Partei, die das
Integrationsgesetz im Kanton versenkt hat.
Warum? Weil es nicht um die Lösung einer
gesellschaftlichen Herausforderung geht,
sondern nur um die Bewirtschaftung eines
formidablen Wahlkampfthemas. Dies auf
dem Buckel der LGBT-Geüchteten zu tun,
ist ein Angri auf die Menschlichkeit. Es als
SVP und in dieser negativen Form zu tun, ist
schlicht homophob.
*Patrick Hadi Huber ist SP-Gemeinderat und HAZ-
Präsident
11
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
KOLUMNE
MICHI RÜEGG
Gleiche Rechte für alle. Und herzige
Löwenkostüme
Michi Rüegg hat eine Zürcher Wahlkampfveranstaltung
besucht, in der es auch um LGBT-Themen ging. Zumindest
meinte er, es ginge darum.
VO N M I CH I RÜ E GG
«
G
leiche Rechte für alle.» Das tönt
nicht nur gut, das steht auch auf
vielen Plakaten. Die Schrift ist
allerdings nicht so gross, wie der Kopf
daneben. Der Kopf zeigt das Antlitz von
Markus Hungerhler. hrend ich diese
Zeilen schreibe, ist er noch rcher Stadt-
rats-Kandidat der CVP. Während Sie, lieber
Leser, dies lesen, ist er entweder gewählter
Stadtrat oder glückloser Verlierer. Allen-
falls ist er Kandidat in einem zweiten Wahl-
gang. Je nach Mathematik, und darin war
ich nie gut.
Markus Hungerbühler muss man
hoch anrechnen, dass er in einer eher ver-
korksten Partei seit vielen Jahren ganz o en
schwul ist. Dass er trotz bevorstehender
Kandidatur für ein Exekutivamt mit seinem
Mann zusammen beschlossen hat, via
Leihmutter Vater zu werden. Und natürlich,
dass er sich für LGBT-Anliegen einsetzt. So
gesehen ist er auch nicht Schuld an dem,
was ich hier beschreibe.
Im Januar nämlich haben die «Top
Five», die rgerlichen Kandidaten und
Kandidatin für den rcher Stadtrat ein
Podium in Oerlikon abgehalten. Von den
Five kamen dann nur Four, der amtierende
Filippo Leutenegger blieb fern, ohne ent-
schuldigt worden zu sein. Ich dachte, boa-ey,
alles Bürgerliche, zwei davon in der noto-
risch homophoben SVP, und die reden über
gleiche Rechte für alle. Da muss ich hin.
Ich war dann auch der Einzige. Also
nicht der einzige Gast, aber der Einzige, der
irgendwie freiwillig da war. Ohne dass er
oder sie parteilich dazu verp ichtet gewe-
sen re. Der Moderator selber war Stadt-
präsident. Nicht von Zürich, sondern von
Wädenswil. Ein sehr netter Herr. Und er
hat seine Arbeit eigentlich auch ganz an-
ständig gemacht, sieht man mal vom leich-
ten Inzest-Faktor ab, den ein bürgerliches
Po dium, von einem bürgerlichen Politiker
moderiert, zwangsweise ausstrahlt. Nach
kurzer Zeit brachte der moderierende Stadt-
präsident die gleichen Rechte zur Sprache,
die für alle gelten sollen würden.
Von da an gings bergab. Gleiche Rech-
te für alle, war vom Podium zu vernehmen,
das heisse eben, dass Hausbesitzer das
Recht tten, Hausbesetzer durch die Poli-
zei entfernen zu lassen. Und zwar ohne Ab-
bruch- oder Umbaubewilligung. Gleiche
Rechte für alle, das heisse auch, dass Poli-
zisten nicht Menschen aller Hautfarben
kontrollieren müssten, sondern eben ganz
gezielt Dunkelhäutige, wie sie es in der Poli-
zeischule gelernt hätten. Gleiche Rechte für
alle, das bedeute halt auch, dass ein Beizer
im Kreis 1 dort ein paar Stühle hinstellen
rfe, wo er eigentlich nicht dürfe, weil ja
die Hausbesetzer auch nicht fragen würden,
was sie dürften und nicht dürften. Und glei-
che Rechte für alle, das gelte auch für Velos,
die die armen Autos immer mehr von den
Strassen verdrängen würden.
Zwischenzeitlich blickte ich mich um,
in der Ho nung, irgendwo eine versteckte
Kamera zu entdecken. Leider Fehlanzeige.
Nachdem viel geredet worden war, meldete
sich eine ngere Frau. Sie sei behindert,
sagte sie. Und sie brauche eine Wohnung,
die ihren Berfnissen gerecht werde. Im-
mer, wenn sie bei der Stadt anfrage, hiesse
es, sie sse halt warten, bis sie alt sei.
Dann rfe sie in eine Alterswohnung zie-
hen. Allerdings dauere das noch so an die
dreissig bis vierzig Jahre. Was sie denn in
der Zwischenzeit machen solle, wollte die
Frau wissen.
Der Herr von der SVP setzte zu einer
Antwort an. Nun, sagte er, genau deshalb
wolle man den linken Klüngel aus den städ-
tischen Wohnungen vertreiben, also die
Leute, die es gar nicht nötig hätten, günstig
zu wohnen. Und dafür ihr, also sofern sie
nicht in einem Rollstuhl sei, oder auch
wenn, also überhaupt. Und so.
Es war eine Art Antwort, zwar weder
auf ihre Frage, noch auf sonst eine. Aber
immerhin. Danach kamen noch ein, zwei
einstudierte Fragen aus dem Publikum.
Und schon freute sich der Saal auf den Apé-
ro. Vorher gab‘s noch ein Gruppenfoto mit
zwei Menschen im herzigen Löwenkostüm.
Ich nahm an, dass es sich in den Kostümen
um junge Menschen handelte. Ich hätte sie
gerne sexuell belästigt. Nur um zu sehen,
was passiert.
Später fragte ich den Moderator, wieso
er denn das eigentliche ema, die Rechte
von echten Minderheiten nicht angespro-
chen habe. Tja, sagte er, er habe es sich no-
tiert. Aber im Verlauf des Gesprächs habe er
dann davon abgesehen. Vermutlich war ich
allein zu allein im Saal.
«Gleiche Rechte für alle,
das gelte auch für Velos.»
12
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
KULTUR
SCHAUSPIELHAUS
«Hundeherz» von Michail Bulgakow:
Aus dem Hund
gekommen
Alvis Hermanis inszeniert am Schauspielhaus Zürich Bulgakows Parabel
«Hundeher detailreich, realistisch und etwas betulich. Und genau das macht
das Stück umwerfend.
VO N S T E PH A N IND E R BI T Z I N
D
er auf Verngungsoperationen spe-
zialisierte Filipp Filippowitsch wagt
ein Experiment: Die Operation von
einem Hund in einen Menschen. Ein Stras-
senköter soll dem erfolgreichen Moskauer
Arzt und Wissenschaftler als Versuchsob-
jekt dienen, ebenso wie die Organe eines
gerade verstorbenen nnlichen Säufers.
Gemeinsam mit seinem Assistenten Bor-
menthal gelingt die Menschwerdung des
Hundes – aus Lumpi wird Lumpikow. Die
Fachwelt ist begeistert und feiert sich selbst.
Doch der Prototyp einer neuen Zukunft
zeitigt ungeahnte Folgen und gerät schliess-
lich ausser Kontrolle …
Der Sprachkünstler Michail Bulgakow
hat mit seinem Roman «Hundeher von
1925, der wegen angeblicher konterrevo -
lu tionärer Tendenzen zensiert wurde, in
Anlehnung an Goethes «Faust» und Mary
Shelleys «Frankenstein» eine spannungsge-
ladene, aberwitzige Groteske über einen
fantastischen Laborversuch geschrieben,
der im Kampf zwischen Schöpfer und Ge-
schöpf gipfelt. In Bulgakows satirischer Pa-
rabel, die erst 1968 in einer russischen Exil-
Zeitschrift veröentlicht wurde, geht es in
der Tat um die Erschaung eines «neuen
Menschen». Bulgakow, selber Arzt, stellt
seine Novelle damit in die Tradition von
Frankenstein, Jekyll-Hyde, Golem, Homun-
kulus: von Menschen geschaene Chimä-
ren, die sich der Herrschaft ihrer Erzeuger
entziehen.
Schauspieler mit enormer Psenz
Was hier vergnüglich und bisweilen sogar
«gay» klingt, wurde von der Kritik durchzo-
gen aufgenommen. Die NZZ titelte «Nicht
amüsant, sondern schlecht» und schreibt
weiter: «Aus dem bitterbösen Sto wird ein
netter Schwank.» Ganz so ist es denn aber
nicht; in der Hauptrolle begeistert Robert
Hunger-Bühler ein grandioser Schauspie-
ler, der alleine durch seine Psenz faszi-
niert. Das hnenbild von Kristne Jurjne
passt ebenfalls. Bücherschrank, Vitrine, Ver-
tiko, Paravent, Operationssliege, Garderobe,
Standuhr, sogar ein Cheminée fügen sich zur
grossbürgerlichen Wohnung und Praxis des
Professors. Das ist lustvoll anzusehen und
wirkt irgendwie auch herrlich altbacken.
Ob man das henbild nun mag oder
nicht; letztendlich muss einfach gesagt wer-
den, dass die Tatsache, dass im Stück ein
Professor dank einer Hoden-Transplantati-
on und einer Hirnanhangdrüse von einem
verstorbenen Menschen in dem lebenden
Körper eines Hundes ein neues Geschöpf
erschat, einfach schon per se herrlich
schg und schrill ist. Was das für ein Ge-
schöpf ist Mensch, Tier, ein «Es» oder ein
«Er» oder gar ein Sowjet (!) ist unklar und
letztendlich auch irrelevant.
Polarisierender Regisseur
Regie führt bei «Hundeherz» Alvis Herma-
nis. 1965 in Riga geboren, leitet er seit 1997
das «Neue eater Riga», ein zeitgenössi-
sches Repertoiretheater. Hermanis ist be-
kannt dafür, dass er sich bei seinen Inszenie-
Die Schauspieler Claudius Körber, Fritz Fenne, Robert Hunger-Bühler und Vera Flück funktionieren in
«Hundeherz» bestens zusammen.
13
KULTUR
SCHAUSPIELHAUS
rungen an der Arbeit der Schauspielenden
orientiert. Also eigentlich ganz so, wie ur-
sprünglich gedacht. Entsprechend bezeich-
net er sich auch als «altmodischen» Regis-
seur. Im Falle von «Hundeher stellt Alvis
Hermanis das Stück quasi unter eine Lupe
und der damit erreichte Überrealismus lässt
kein Detail aus. Das funktioniert in diesem
Fall bestens, nden die einen. Die anderen
sind ganz oensichtlich nicht dieser Mei-
nung, die NZZ nämlich kann ihren Ärger
kaum zurückhalten: «Doch was ott beginnt,
erstarrt rasch: Die Schauspieler spielen nicht
mit ihrem Text, sie sagen ihn mehr schlecht
als recht auf, es entsteht kein Sog, man
schaut sich eine Handlung an, lacht,
schmunzelt und langweilt sich alsbald.»
Nun, «Langeweile» setzt bei «Hundeher
nicht ein, wenn man sich vollkommen auf
das Stück einsst. Und wenn man sich nicht
mit der Idee ins eater setzt, man würde da-
nach irgendwie «geläutert» oder erhellt aus
dem Stück kommen, denn das war nie die In-
tention des Werkes von 1925. Grossartig also
die schauspielerische Leistung und auch
ganz besonders diejenige von Fritz Fenne als
Lumpi-Lumpakow. Wie er winselt, knurrt,
bellt, schelt und sich an den unfeinsten
Körperstellen kratzt, ist schlicht grossartig.
Sein Gang, seine langsam sich formende
Artikulation, die wachsende Beherrschung
der Gliedmassen, die zunehmende Dreistig-
keit – tierisch gut!
Klar, die Erwartungen waren hoch bei
der Premiere; zumal kurz vor der Premiere
noch eine Sprayerei für Aufregung sorgte:
«Liebe Mitarbeitende des Schauspielhau-
ses, Alvis Hermanis ist ein Schandeck in
eurem Lebenslauf! Freundliche Grüsse
Hendrik Höfgen». Mit dem Einversndnis
des Kunsthauses sprühte das Schauspiel-
haus auf ebendiese Plattform eine Replik:
«Unser Kommentar dazu auf www.schau-
spielhaus.ch.»
Und genau hier haben wir ja bereits
das, was Kultur eigentlich soll: aufregen, an-
regen, agieren und interagieren. Kurz: Kultur
soll bewegen. Und das ist dem Schauspiel-
haus mit «Hundeherz» mehr als gelungen.
Schauspiel Michail Bulgakow: Hundeherz.
Schauspielhaus Zürich, Pfauen, bis 3. April
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Fritz Fenne als Lumpi-Lumpakow tut Dinge, die ein
Hund halt so tut. Kratzen an den unmöglichsten
Stellen gehört dazu.
A N ZE IG E
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Stichwort «Cruiser»
14
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
KULTUR
KURZNEWS
100 JAHRE SUCHT UND SINNLICHKEIT ODER: BLAUER DUNST UND FLASCHENGEISTER
IQOS DAS INSTITUTE OF QUEER STUDIES PRÄSENTIERT
«ABSCHIED VOM MYTHOS MONOGAMIE
WEGE ZUR AUTHENTISCHEN BEZIEHUNGSGESTALTUNG»
Die Kippe und das Glas, ein Loblied auf den
entspannten Genuss nach harter Arbeit, das
Millionen jahrzehntelang voller Inbrunst
angestimmt haben, wenn auch vielleicht
nicht mit optimalem Lungenvolumen. Als
unschlagbares Erfolgsduo der Risikosubs-
tanzen haben Nikotin und Alkohol Genera-
tionen von Werbescha enden ein solides
Einkommen gesichert und zu solch kreati-
ven Höchstleistungen angespornt, dass es
lange unvorstellbar schien, es könne mal
auseinandergehen. Wie schön es war, Feier-
abend, Freizeit, unbeschwertes Geniessen,
cool aussehen, dem anderen Geschlecht
In vielen Beziehungen taucht früher oder
später – ob ausgesprochen oder unausge-
sprochen das ema Fremdgehen auf.
Doch was heisst es, «treu» in einem tief-
gründigen Sinne zu sein? Würde es sich
nicht lohnen, eine Neugestaltung des bishe-
rigen Beziehungsmodells zu wagen, ohne
dass sich Eifersucht und schlechtes Gewis-
sen aufdngen? Wieso ist sexuelle Aus-
schliesslichkeit in einer Partnerschaft über-
haupt erstrebenswert? Könnten nicht
gerade wir LGBTs unsere Beziehungen be-
wusst anders gestalten? Tim Wiesendanger
stellt sein neues Buch vor.
oder dem gleichen lässig zuprosten, Feuer
geben, eine Runde aufs Haus! So jung
kommt man nicht mehr zusammen! Noch
ein Lungenbrötchen, ein Gläschen Sherry,
eine Wanne Bier? Ob Businessmensch oder
Arbeiter, alle vereint im Mischkonsum.
Leider ist der Marlboro-Mann vom Zi-
garettenholen nicht zurückgekommen, und
die Flasche steht nun verwitwet da. Wird
sich der Tabak von seinem All-Time-Low in
der allgemeinen Wertschätzung noch ein-
mal erholen? Wohl eher nicht.
In diesem voluminösen Sammelband
mit legendären und mitunter skurrilen
Werbekampagnen der US-Tabak- und Spiri-
tuosenbranche können sich passionierte,
aber heute leider stigmatisierte Freunde des
blauen Dunstes und des gep egten Hang-
over noch einmal zurücklehnen und weh-
mütig an Zeiten trauter Zweisamkeit von
Quarzen und Trinken erinnern. ank you
for smoking! Prost!
Jim Heimann.
20th Century Alcohol & Tobacco Ads
Hardcover, 23,8 x 30,2 cm, 392 Seiten,
ca. CHF 35.– im TASCHEN Verlag erschienen
Dienstag, 10. April 2017, 19.00 Uhr,
Universität Zürich, Rämistrasse 59 in Zürich,
Raum: Kleine Aula, RAA G-01
Die Veranstaltung ist öffentlich und
unentgeltlich.
Cruiser wird in der kommenden Ausgabe
das Buch von Tim Wiesendanger ausführlich
rezensieren.
Kultur
THE BOYAHKASHA BIRTHDAY PARTY!
VORMERKEN: COCO EIN TRANSGENDERMUSICAL
Die beliebte Schweizer Gayparty feiert am
Ostersonntag im Plaza Club ihren 14. Ge-
burtstag und bringt einen der grossen Drag-
Superstars aus den Staaten nach Zürich; nie-
mand geringeres als AJA THE KWEEN von
der erfolgreichen TV Show «RuPaul`s Drag
Race». Sie freut sich riesig auf den ersten
Schweizer Auftritt und wird sich daher nach
ihrer grossen Show für alle Fans bei einem
Meet & Greet viel Zeit nehmen. Denn bei den
US-Drags hat sich natürlich ebenfalls her-
umgesprochen, dass die rcher Partygäste
begeisterte Follower der RuGirls sind.
Aber auch an den DJ-Decks stehen
bekannte und namenhafte Performer.
Boyah kasha`s Resident-DJane Nicki Dyna-
mite, der Chef vom Berliner Schwuz-Club
DJ Kenny Dee, die bekannte Berliner Drag-
queen und Partyveranstalterin Nina Queer
und ihr Resident-DJ Magic Magnus sowie der
Boyahkasha-Veranstalter Zör Gollin werden
alles geben für die Geburtstagsgäste.
Ein frühes Erscheinen ist empfehlens-
wert. Ab 4 Uhr morgens steht dann DJ Steve
Bam für die Afterparty im Heaven an den
Plattentellern und verngert allen Tanz-
wütigen die Nacht bis tief in den Ostermon-
tag hinein.
THE BOYAHKASHA BIRTHDAY PARTY,
Ostersonntag 22h-05h im Club Plaza Zürich
(Badenerstrasse 109, 8004 Zürich)
Weitere Infos: www.boyahkasha.ch
Coco war die berühmteste Transfrau der
Schweiz der 1990er-Jahre, verletzlich, ge-
trieben, charismatisch. In Bern war sie ein
Star: Eine Frau im Körper eines Mannes,
die leidenschaftlich und furchtlos gegen al-
les anrennt, was zwischen ihr und jenem
Tag steht, an dem sie endlich sagen kann:
«Jetzt bin ich: Ich.» Ihr gsster Widersa-
cher scheinen dabei weder ihre Eltern noch
ihr überfordertes Umfeld zu sein, sondern
ihr eigener Körper. Obwohl sie sich mit
zwanzig einer geschlechtsangleichenden
Operation unterzieht, bleibt ihr Leben eine
verzweifelte Suche nach sich selbst – und
ohne Happy End.
Inspiriert von seinem Vorbild erzählt
«Coco» die Geschichte einer Frau, die im
Körper eines Mannes lebt. Das Musical er-
hebt dabei keinen Anspruch auf historische
Genauigkeit, es ist stattdessen die überfälli-
ge Hommage an eine Frau, die ihren an-
spruchsvollen Weg mit Entschlossenheit
und Würde gegangen ist.
Cruiser wird in der kommenden Ausga-
be ausführlich über das Musical berichten.
Übrigens: Mit dabei wird auch Christoph
Marti von den «Geschwister P ster» sein, er
wird die Rolle der «Gilette» spielen.
Konzert Theater Bern, ab April. Spieldaten und
Tickets unter www.konzerttheaterbern.ch
A N ZE IG E
Z Ü R I C H
n Mi, 07.03.2018, 19:00 - 21:30 Uhr
SHARE & GROW
- Special: Men’s Jungle
n Sa, 10.03.2018, 13:00 - 18:30 Uhr
PLAYFUL TOUCH basics
-
Massageaustausch für Einsteiger
n So, 11.03.2018, 12:00 - 17:30 Uhr
PLAYFUL TOUCH
- Massageaustausch
n Mi, 14.03.2018, 14:00 - 21:30 Uhr
EROS TEMPEL
- Tantramassage erleben
n Do, 15.03.2018, 19:00 - 21:30 Uhr
HOLD & CUDDLE
- Kuschelabend
n Di, 10.04.2018, 18:30 - 22:30 Uhr
PLAYFUL TOUCH
- Massageaustausch
n Fr - So, 13. - 15.04.2018
HOW TO PLEASE A MAN
- Einführung in
die Taoistische Erotische Massage
n
Sa / So, 14. / 15.04.2018
EASY TOUCH
- Massageworkshop
n Do, 15.03.2018, 19:00 - 21:30 Uhr
HOLD & CUDDLE
- Kuschelabend
Regelmässige Termine:
n jeden ersten Donnerstag im Monat
MEDITATION & MINDFULNESS
n jeden Dienstag
NAKED YOGA
Infos & Anmeldung beim jeweiligen Anbieter:
n www.loveloungezuerich.com
n www.bodyworker.ch
n www.sexologicalbodywork.ch
n www.gay-yoga.ch
Komplette Terminübersicht unter:
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16
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
THEMA
LGBT* IM ALTER
Gemeinsam «queer» alt werden –
eine Vision
Aufgrund der demographischen Entwicklung in der Schweiz steht die LGBT*-
Community vor einer neuen Herausforderung: Schwule, Lesben, Trans*-Personen
werden «ptzlich» alt. Das war nicht immer so. Neue Lösungsansätze sind gesucht.
VO N H AY MO EMP L
R
und 143'000 über 65-Jährige in der
Schweiz sind laut Schätzungen
schwul, lesbisch, trans* oder einfach
«queer». Eine stattliche Zahl, und es werden
immer mehr: AIDS ist keine tödliche Seuche
mehr und daher ist auch die Sterblichkeit von
LGBT*-Menschen massiv zurückgegangen.
Der Verein «queerAlter träumt von
einem «Haus der Vielfalt» und möchte, dass
LGBT*-Menschen gemeinsam alt werden
können. Wir sprechen hier nicht vom ge-
planten «Regenbogenhaus» an der Zollstras -
se, sondern von einer Art Alterssiedlung für
LGBT*-Menschen.
Cruiser hat sich mit Vincenco Paolino
unterhalten. Er ist der Präsident des Vereins
«queer Altern».
Cruiser: Was genau möchtet ihr erreichen?
Was ist die Vision?
Vincenco Paolino: Gemäss unserer Statuten
bezweckt der Verein die Förderung von
Dienstleistungsangeboten für queere Men-
schen, hauptsächlich in den Bereichen Al-
tern, Wohnen und Generationenbeziehun-
gen, und bringt entsprechende Personen
aus der queeren Community zusammen.
Konkret arbeiten wir seit der Gründung
(und bereits einige Zeit vorher durch Be-
darfsanalysen) an einem Wohn-, Pege-
und Betreuungsangebot in der Stadt Zürich
für «queer&friends». Dabei gehen wir von
15-25 Wohnungen aus, einem Restaura-
tionsangebot, Gemeinschafträumen sowie
2-3 Pegewohngruppen. Eines unserer wich-
tigsten Vorbilder ist dabei das Haus der Viel-
falt in Berlin, welches seit Jahren besteht
und erfolgreich wirtschaftet. Die Warteliste
dort ist sehr lang. Zusätzlich schwebt uns
vor, Wohnraum für queere Geüchtete zu
realisieren, die in den gängigen Asylzentren
«unter die Räder» kommen.
Geht ihr mit eurer Vision nicht einen Schritt
weg von der «Integration» hin zur Segregation?
Warum sollen LGBT*-Menschen nicht zusam-
men mit heterosexuellen Menschen «al
werden?
Unsere mit jedem Jahr steigenden Mitglie-
derzahlen sprechen r sich. Diese sind
Träger der Idee und wissen, was sie wollen
und warum sie sich in den meisten traditio-
Nicht immer wird man mit einem Partner «alt». Gemeinsam, statt einsam kann aber auch anders funktionieren – «queer altern» wäre ein Anfang.
17
THEMA
LGBT* IM ALTER
nellen Heimen nicht wohlfühlen würden.
Durch die bewusste Formulierung «queer &
friends» machen wir klar, dass es kein Kas-
ten der Segregation werden soll. Und zwar
nicht nur im Hinblick auf «queer», sondern
auch im Hinblick auf «alt». Daher unser An-
satz, den Alltag und das Wohnen durch
Community-nahe Dienstleistungen aufzu-
werten. Wir freuen uns sehr für die Initian-
ten des Regenbogenhauses für den neuen
Standort in Bahnhofshe. Gleichzeitig
werden wir aus diesem Grund den interge-
nerationalen Aspekt auf eine neue Weise
denken müssen. Und vielleicht noch dies:
Natürlich werden homosexuelle Menschen
mit Heterosexuellen alt. Für die fragile Pha-
se der Pegebedürftigkeit fühlen sich aber
viele von uns wohler in einem Umfeld, in
dem sie sich nicht erklären und nicht immer
wieder ein Coming-out leisten müssen.
Wie sieht die Wohnungs-Vision konkret aus?
Es sind 1½- bis 3½-Zimmer-Wohnungen ge-
plant im Universal Design, d. h., geeignet
für Menschen mit und ohne Behinderung.
Die Wohnungen enthalten alle eine Küche
und werden in verschiedenen Preiskatego-
rien angeboten. Auch Personen mit kleine-
rem Budget werden die Möglichkeit haben,
dort zu leben.
Sollen es einzelne Wohnungen werden, ein
Pegeheim oder alles zusammen?
Im Prinzip soll alles unter einem Dach reali-
siert werden. Wobei wir uns entschieden ha-
ben, anstatt eines Pegeheims professionell
geführte Pegewohngruppen zu einem für
alle erschwinglichen Preis zu realisieren.
Wann soll eure Vision umgesetzt werden?
Am liebsten schon sehr bald natürlich. Wir
waren auch schon einige Male nahe dran...
doch leider scheiterten bislang unsere Be-
hungen am Preis. Sei dies für die Miete
einer grösseren Liegenschaft oder am Kauf-
preis. Bei der Gründung des Vereins im Jahr
2014 sind wir von einem Realisierungster-
min ca. 2020 ausgegangen. Trotz aller Be-
hungen werden wir nach heutigem
Kenntnisstand diesen Termin nicht halten
können. Doch haben wir in dieser Zeit et-
was getan, dessen Wirkung nicht unter-
schätzt werden sollte: Durch das Kennen-
lernen neuer Leute und gemeinsames Tun
bilden wir eine «caring communit noch
bevor wir in ein Gebäude einziehen wer-
den. Wir gestalten also schon jetzt gemein-
sam unseren Lebensort und genau das ist
es, was unsere Generation auszeichnet: Wir
warten nicht, bis etwas für uns getan wird,
sondern nehmen unser Schicksal in die ei-
genen Hände.
Wo liegen derzeit die Stolpersteine?
Es gestaltet sich als überaus schwierig, ein
geeignetes Gebäude zu nden, welches
auch von der Lage unserem Bedarf ent-
spricht. rich ist eine der begehrtesten
und teuersten Städte der Welt.
LGBT* - die Bedürfnisse der jeweiligen Grup-
pen sind so unterschiedlich wie die Buchsta-
ben: Lassen sich diese unter einem Dach/ an
einem Ort effektiv vereinbaren?
Da bin ich ganz relaxed. Es geht darum, ein
akzeptierendes und angenehmes Lebens-
umfeld zu schaen, das auch bei grösserem
Bedarf an Betreuung und Pege für unsere
Community da ist. Und ich weiss, dass be-
stimmte Bedürfnisse und Animositäten sich
mit zunehmendem Alter mildern. Beispiels-
weise ist die Arbeit im Vorstand von queerAl-
tern mit nnern und Frauen sehr produk-
tiv und ganz ohne die vielleicht erwarteten
«Knörze». Und warum soll das nicht auch im
Alltag beim Wohnen so sein? Unser Besuch
im Angebot «queerbau.at» in Wien hat uns
in dieser Haltung nur bestärkt.
Weitere Infos auf queeraltern.ch. Im Blog
queeraltern.ch/blog sind zudem spannende
Aussagen zu «‹queer altern› – braucht es das?»
nachzulesen bzw. nachzuschauen, inklusive
Video-Statement von Corine Mauch.
A N ZE IG E
18
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
SERIE
IKONEN VON DAMALS
Schön talentiert:
Eddy Huntington
In unserer Serie stellen wir Ikonen aus vergangenen Dekaden vor, berichten über
gefallene Helden und hoffnungsvolle Skandalsternchen aus längst vergangenen
(Gay-)Tagen. Dieses Mal: Eddy Huntington oder der wahrgewordene 1980er-Jahre
Gay-Traum
VO N M OEL M A PH Y
E
iner der ersten Hits, der im damals
frisch eröneten T & M gespielt wur-
de, war «U.S.S.R.» von Eddy Hunting-
ton. Da in der prä-Internetzeit wenig Mög-
lichkeiten bestanden, sein Idol irgendwie
online zu sehen oder zu wissen, was die an-
gehimmelte Person tut oder eben nicht,
gab’s nur die «Bravo». Das Magazin zeigte
1986 und 1987 den englischen Popstar in
Posen, die für die damalige Zeit aufreizend
genug waren, um nicht nur Teenager-Mäd-
chen dahinschmelzen zu lassen, sondern
auch mehr oder weniger die gesamte Gay-
nnerwelt. Und singen konnte der Eddy
auch noch.
Huntington wurde 1965 im Nordosten
Englands geboren und zog im Alter von 18
Jahren nach London, wo er sich als Model
durchschlug. Und weil damals bereits die
Musikvideos populär waren – in den USA
startete MTV ja bereits 1981 war Eddy auch
gern gebuchtes Video-Model. Aufgrund sei-
ner Tanzerei in diversen Clips und weil die
Welle der Italo-Disco auf dem Höhepunkt
war und man dringend attraktive Interpre-
ten suchte, wurde Eddy vom Italo-Disco-
Label «Baby Record entdeckt und nach
Mailand eingeogen.
«Ich hatte eine Art Telefon- und Video-
Vorsprechen bei Baby Records und mir wur-
de dann die Instrumental-Version von
‹U.S.S.R. über das Telefon abgespielt. Ich
og nach Mailand, um es aufzunehmen,
und dann ging alles sehr schnell. Die Platte
wurde ohne Vertrag veröentlicht und ich
habe davon erst gehört, als ich in Italien be-
reits in den Top 10 war», erklärte Eddy letz-
tes Jahr in einem Radio-Interview in Eng-
land. Den Produzenten war klar, dass der
Star nur erfolgreich sein würde, wenn man
ihn auch visuell entsprechend promoten
würde. «Das Lied ist ein klassisches Stück
Italo-Disco und wahrscheinlich das wahr-
Als «U.S.S.R.» 1986 schliesslich
in ganz Europa erschien, wurde
es ein Hit und ist bis heute weit
verbreitet.
19
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
SERIE
IKONEN VON DAMALS
haftigste in diesem Stil. Es wurde viel Geld
auch für die Erstellung eines Videos und die
Sicherstellung einer massiven Promotion
der Single und des Albums ausgegeben. Ich
war im Fernsehen in Italien, Portugal,
Frankreich, Spanien, Belgien, Deutschland
und war in der Schweiz sogar auf Platz 6 mit
‹U.S.S.R.›», so das 1980er-One-Hit-Wonder
weiter im Interview.
Ein fast klassisches One-Hit-Wonder
Als «U.S.S.R1986 schliesslich in ganz Eu-
ropa erschien, wurde es ein Hit und ist bis
heute weit verbreitet. In England hingegen
wusste man kaum, dass Eddy existierte.
Huntington hatte weitere weniger bekannte
Hits wie «May Day» und «Meet My Friend».
Ausserdem veröentlichte er 1989 das Al-
bum «Bang Bang Bang Baby». Die Promotion
zielte ganz darauf ab, den schönen Star mit
Singles zu «verheizen», anders kann kaum
erklärt werden, warum die Erstellung eines
Longplayers derart lang dauerte. «Das Al-
bum entstand auf Druck des japanischen
Marktes. Meine Nachfolgesingle ‹Meet my
Friend› war ein grosser Erfolg im Fernen Os-
ten und übrigens meine einzige UK-Veröf-
fentlichung. Jedenfalls wurde das Album mit
einer fantastischen Kombination aus Italo-
und Eurobeat-Stilen produziert. Wir gingen
von einem grossen Erfolg aus», so Hunting-
ton weiter. Dieser setzte aber nicht ein.
Im Gegensatz zu anderen 1980er-Stars
wirkt Huntington weder abgehalftert noch
verbittert; er hat damals selbst relativ früh
die Reissleine gezogen und das scheint ihn
vor Schlimmerem bewahrt zu haben.
Vom Superstar zum Lehrer
Huntington verliess die Musikindustrie An-
fang der 90er Jahre und bildete sich in Gross-
britannien zum Grundschullehrer aus. Er
unterrichtete an der Eldon Grove Primary
School in Hartlepool und unterrichtete dort
Kinder im ersten Schuljahr. Danach zog er
für 2 Jahre nach ailand, wo seine Frau an
der Bangkok Patana School unterrichtete.
Dort wurde sein jüngster Sohn geboren, was
wiederum zu einem Umzug nach England
führte, wo er mittlerweile stellvertretender
Leiter einer kommunalen Grundschule ist.
Im Jahr 2005 kehrte Huntington kurz zur
Musik zurück und erönete die Serie der
sehr erfolgreichen «Discoteka-Konzerte der
80er-Jahre» in Russland. Es handelte sich
um zwei Auührungen europäischer und
sowjetischer Popstars der 1980er-Jahre, die
in Moskau und Sankt Petersburg stattfan-
den. Unter den Acts waren unter anderem
Bonnie Tyler, Alphaville, Sabrina Salerno,
Mike Mareen und Savage. Eddy Hunting-
ton veröentlichte 2013 schliesslich noch
«aus purem Spass am Singe den Song
«Rainy Day in May». Inspiriert wurde der
Track durch den 60er-Jahre Sound von
Eddys musikalischem Vorbild Sir Cli
Richard. Zu hören gibt es das Lied übrigens
auf Spotify und wir vom Cruiser nden, er
hätte es auch lassen können. Denn nichts
toppt das Cover ehm den Song von
U.S.S.R aus dem Jahre 1986.
Im Gegensatz zu anderen 1980er-
Stars wirkt Huntington weder
abgehalftert noch verbittert.
Eddy bei einem Auftritt vor sechs Jahren in Russland. Seinen Ruhm damals hat er gut verkraftet –
er arbeitet als leidenschaftlicher Lehrer in England.
Eddy Huntington war optisch der wahrgewordene 1980er-Jahre-Traum – alle Teenagermädchen und viele
Gays schwärmten für den Star. Letztere schätzen aber auch die tanzbaren Beats des Sängers.
20
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
NEWS
NATIONAL & INTERNATIONAL
CRUISER BEWEGT. AUCH AUF POLITISCHER EBENE.
Unsere Titelgeschichte «Polizisten schf-
feln auf schwulen Dating-Websites heru
in der Cruiser-Ausgabe Februar hat hohe
Wellen geworfen und auch in der Tages-
presse wurde der Primeur aufgegri en.
Nun hat die Politik reagiert, beispielsweise
haben die beiden Gemeinderäte David
Garcia Nuñez (AL) und Christina Schiller
(AL) bei der Stadt rich eine «Schriftliche
Anfrage» aufgrund des Artikels eingereicht.
Wir zitieren nachfolgend. Die ganze Ge-
schichte aus der letzten Ausgabe gibt es
gratis auf www.cruisermagazin.ch/news
nachzulesen.
Im Artikel «Polizisten schnüffeln auf schwulen Dating-Web-
sites herum» der Zeitschrift «Cruiser» (http://www.magazin-
archiv.com/cruiserfebruar2018#page=4) wird darüber be-
richtet, wie die Stadtpolizei mittels gefälschten Profi len nach
männlichen Escorts «verdeckt fahndet». Im Artikel wird über
einen Fall eines Sexworkers berichtet, der vom selben ver-
deckten Fahnder festgenommen wurde, welcher davor die-
sen Escort zum Angebot sexueller Dienstleistungen angestif-
tet hatte. Gemäss den journalistischen Ausführungen sei der
Sexworker während seiner Haft ohne rechtlichen Beistand
von der Polizei einvernommen und nach wenigen Tagen in
sein Heimatland ausgeschafft worden.
In diesem Zusammenhang bitten wir den Stadtrat folgende Fragen zu
beantworten:
1. Gestützt auf welche juristische Grundlage sieht sich die Polizei dazu
befugt, zur Erfüllung ihrer Aufgabe im Internet zu fahnden?
2. Zur Bekämpfung welcher genauen Straftaten arbeitet die Stadtpolizei
gestützt auf den Paragraphen 32d Abs. 2 PolG?
3. Im Antrag des Regierungsrates (RR) vom 28.03.12 zur Änderung von
polizeilichen Überwachungsmassnahmen hat der RR auf Seite 20 aus-
geführt, dass mit Blick auf den Cyber-Bereich für Kontaktaufnahmen
im Internet der Artikel 32f PolG als gesetzliche Grundlage herange-
zogen werde. Aufgrund des BG Entscheides 140 I 353 ff musste Artikel
32f jedoch aufgehoben werden. Was hat sich seither für die polizeiliche
Arbeit in diesem Bereich geändert?
4. Gemäss BGE 140 I 353 S. 380 bedarf die Verwendung technischer Mittel
zur Informationsbeschaffung im Internet detaillierter Regelung. Eine
Blankettnorm wie es der ehemalige Paragraph § 32f Abs. 1 PolG/ZH
dargestellt hat, vermag keine verhältnis-mässige Handhabung von tech-
nischen Mitteln zu gewährleisten. Setzt die Stadtpolizei in diesem
Bereich technische Hilfsmittel ein, wenn ja welche?
5. Gemäss BGE 140 I 353 ist eine reine Beobachtung von öffentlich zu-
gänglichen Bereichen im Internet möglich. Überwachung der Kommu-
nikation in geschlossenen Internetforen ohne Genehmigung und
nachträgliche Überpfungsmöglichkeit durch eine unabhängige rich-
terliche Instanz ist dagegen nicht zulässig. Wieso gilt dies nicht bei
dem erhnten Fall?
6. Gemäss dem eingangs erhnten Artikel stuft die Stadtpolizei ihre
aktive Suche und Anstiftung zur Prostitution als «verdeckte Fahndung»
ein. Das beinhaltet, dass der verdeckte Fahnder in seinem Pro l,
falsche Angaben zu seiner Person machte. Welche zusätzlichen poli-
zeilichen Handlungen müssten gemäss Sicherheitsdepartement aus-
geführt werden, damit die Kategorie der «verdeckten Ermittlunge
erreicht werden würden?
7. Gibt es eine Dienstanweisung der Stadtpolizei über die verdeckte
Fahndung? Wenn ja: Ist der Stadtrat bereit, die entsprechenden Dienst-
anweisungen gestützt auf das IDG öffentlich zugänglich zu machen?
Wenn nein: Warum nicht?
8. Werden diese «verdeckten Fahndungen» nur auf online Plattformen
durchgehrt, wo männliche Escorts ihre Dienstleistungen anbieten?
Oder werden ähnliche «verdeckte Fahndungen» auch bei Sexworkerin-
nen durchgehrt?
9. Wie viele «verdeckte Fahndungen» nach Sexworker_innen wurden in
den letzten 5 Jahren durchgeführt (bitte um geschlechtsspezi sche
tabellarische Zusammenstellung).
10. In wie vielen Fällen kam es zu einer Verhaftung der «verdeckt gefahn-
deten» Personen?
11. Wurden bei den jeweiligen Verhaftungen andere strafbare Tatbesnde
(Einnehmen von Wucherzinsen, Förderung eines illegalen Aufenthalts
seitens Dritter, etc...) untersucht? Wenn ja: Bitte um Nennung der lle,
in denen es hierbei zu einer Anklage seitens der Stadtpolizei kam.
Wenn nein: Bitte um Nennung der Gnde, weshalb diese in der Sex-
workszene häu g vorkommenden Straftaten nicht untersucht wurden.
12. Wie viele Polizist_innen und welche Abteilungen der Stadtpolizei waren
in diesen «verdeckten Fahndungen» involviert? Bitte um Nennung der
Anzahl der pro Fall involvierten Personen, Abteilungen und der pro Fall
geleisteten Stunden (Bitte um Unterscheidung zwischen Aufwand zur
Profi lpfl ege und tatsächlich «verdeckter Fahndung»).
13. Nach welchen konkreten Kriterien wurden die Zielpersonen der «ver-
deckten Fahndungen» ausgewählt?
News
21
NEWS
NATIONAL & INTERNATIONAL
DAMIT ES NICHT GANZ SO POLITISCH BEI DIESEN «NEWS» BLEIBT VOILÀ: QUECKSILBER MACHT IBISSE SCHWUL
In Kolonien, in denen die Vögel experi-
mentell über Jahre dem sogenannten Me-
thylquecksilber ausgesetzt waren, kommt
es laut Forschern zu einer merklichen Zu-
nahme von rein männlichen Brutpaaren.
Dadurch sinke der Bruterfolg der ge-
samten Kolonie, schreibt ein Team um Peter
Frederick von der Universität von Florida in
Gainesville im Fachmagazin «Proceedings
of e Royal Society B». Auch die heterose-
xuellen Paare zögen weniger Jungvögel
gross als solche, die dem Schadsto nicht
ausgesetzt sind. Methylquecksilber ist die
biologisch aktivste Form von Quecksilber.
Es kann etwa das Nervensystem scdigen
oder den Hormonhaushalt durcheinander-
bringen. Die Forscher hatten Weissibisse
(Eudocimus albus) gefangen und in gros -
sen Volieren mehr als drei Jahre mit Futter
gefüttert, das mit Methylquecksilber ver-
setzt war.
Die Konzentrationen in den drei Ver-
suchsgruppen entsprachen Dosierungen,
die auch in freier Wildbahn vorkommen.
Eine vierte Gruppe von Ibissen bekam
schadstofreies Futter. Es zeigte sich, dass
es in den einzelnen Kolonien mit steigen-
der Quecksilberdosis mehr Männerpaare
gab, ihr Anteil betrug bis zu 55 Prozent.
Von einer solchen Auswirkung des
Methylquecksilbers sei bisher nicht be-
richtet worden, schreiben die Forscher. In
den drei Versuchsgruppen gab es auch ins-
gesamt weniger Nester mit Eiern als in der
Kontrollgruppe. Zum Grossteil lag dies an
den homosexuellen Paaren, aber auch die
heterosexuellen Paare bekamen weniger
Junge. Die Forscher berichten weiter, dass
die männlichen Tiere der Versuchsgrup-
pen ein verändertes Paarungsverhalten an
den Tag legten.
Dieses veränderte Paarungsverhalten
hatte Folgen: Den nnchen näherten
sich weniger weibliche Tiere. Die Vogel-
nnchen waren auch weniger aggressiv
als die der Kontrollgruppe. Dennoch sei
ihr Verhalten als typisch männlich zu
bezeichnen.
Das Umweltgift reichert sich etwa in
Raubschen und geln an und hat zahl-
reiche scdliche Wirkungen auf Wirbel-
tiere einschliesslich des Menschen.
Wie und wo
kriege ich PrEP?
myprep.ch
A N ZE IG E
Im Bild ein Mähnen-Ibis, bei dem unklar ist, ob er schwul ist oder nicht.
22
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
LIFESTYLE
CRUISER ZU BESUCH BEI
Bald geht die Badi-Saison wieder los. Und fast alle haben da und dort
Problem zonen mittels Kryolipolyse wird einigen von diesen der Garaus
gemacht. Das klingt brutal, ist es aber nicht.
Fett weg
mit Kälte
ist eektiv sicht- und messbar.» Fett einfrie-
ren klingt etwas gruslig, die Gerätschaften
sehen entsprechend aus. Allerdings ist die
Behandlung eektiv kaum spürbar.
Fettzellen sterben ab
«Das Verfahren ist besonders sinnvoll bei
lokalen Fettdepots», erklärt omas Frei-
mann. Er ist Gescftsführer von Body Es-
thetic und hat – wie Robinson – die Behand-
lung ebenfalls an sich ausprobiert und war
begeistert. Damit das Fett eektiv ausrei-
chend mit lte behandelt werden kann, ist
es notwendig, die Behandlung eine Stunde
VO N T E AM CRU I S E R
D
ie Kryolipolyse ist eine medizinische
Behandlung, bei der Fettzellen
durch Einfrieren zerstört werden.
Das Funktionsprinzip ist der kontrollierte
Einsatz von Kühlung im Temperaturbereich
von +5 bis -5° C zur nicht-invasiven, lokal
begrenzten Reduktion von Fettdepots, um
die Konturen des Körpers neu zu formen.
Der Grad der hlungsexposition bewirkt
die Apoptose (Zelltod) des Unterhautfettge-
webes, ohne dass die darüberliegende Haut
oensichtlich geschädigt wird. Was hier
sehr futuristisch tönt, hat sich in den letzten
Jahren vielfach bewährt.
«Ich war lange skeptisch», erklärt Ro-
binson Moret dem Cruiser. Er ist der Inhaber
von Body Esthetic rich. «Mittlerweile ste-
hen aber einige Geräte bei uns in den diver-
sen Behandlungszimmern, denn der Erfolg
Erste Erfolge sind bereits wenige
Tage nach der Behandlung
sichtbar, das finale Ergebnis ist
rund sechs Wochen später zu
erwarten.
Mittels mehrerer Applikatoren wird das Fett angesaugt und heruntergekühlt. Dadurch sterben die Fettzellen ab. Die Behandlung ist schmerzlos.
23
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
LIFESTYLE
CRUISER ZU BESUCH BEI
lang durchzuführen. Ein nicht unerhebli-
cher Zeitaufwand, der Erfolg gleicht dies
aber wieder aus. «Wir beide sind ja nicht
übergewichtig, aber wir haben auch unsere
kleinen Problemzonen», sagt omas und
setzt Robinson die Applikatoren an. «Wir
arbeiten mit mehreren Handstücken, so
können wir in einer einzigen Behandlung
diverse Zonen bearbeiten», so omas wei-
ter. Das Fett von Robinson wird dann auch
gleich von der Maschine angesaugt und
schnell auf Minus 2 Grad heruntergekühlt.
«Man spürt das nicht», sagt Robinson.
«Auch nachher nicht
Kostengünstige Behandlung
Die abgestorbenen Fettzellen ssen im
Anschluss vom Körper abtransportiert wer-
den. «Wir sen dieses Problem, indem wir
die Lymphen stimulieren», so omas. Auch
dies geschieht automatisiert und ist im Preis
von 199.– inkludiert. «Wir sind uns bewusst,
dass wir mit diesem Angebot alle anderen
unterbieten», so Robinson. «Wir sind aber
einer der grössten Anbieter und der Perso-
nalaufwand ist bei dieser Behandlung ge-
ring. Ein Vorteil, den wir an unsere Kunden
weitergeben können Fettweg mit Kälte
bieten viele an, oft auch «normale» Kosme-
tikstudios. «Wir stehen aber unter ärztlicher
Leitung und können daher auch garantie-
ren, dass sich alles auf hohem medizini-
schen Niveau abspielt und Nebenwirkun-
gen ausgeschlossen werden können», so
Robinson Moret weiter. Gibt es denn Neben-
wirkungen? «Es kann sein, dass sich am
nächsten Tag der Fettabbau auf dem WC be-
merkbar macht, was aber ja ein positives
Zeichen ist
Schnelle Erfolge
Erste Erfolge sind bereits wenige Tage nach
der Behandlung sichtbar, das nale Ergeb-
nis ist rund sechs Wochen später zu erwar-
ten. «Abgesehen von einer leichten Rötung
ist auch nichts zu sehen, was ein weiterer
Vorteil der Behandlung ist.» Perfekt also,
wenn man sich bereits jetzt (was man soll-
te!) Gedanken über die eigene Strand- oder
Badegur macht. «In der Regel reichen zwei
Behandlungen mit mehreren Applikatoren
im Abstand von vier Wochen aus», so Frei-
mann. Und damit wirklich alles Fett zer-
stört wird, behandeln wir ergänzend noch
mit Ultraschall, auch hierbei werden Fett-
zellen zerstört. «Letztendlich ist es aber
schon so, dass nach der Behandlung auf die
Ernährung geachtet werden muss, denn
sonst bildet sich naturgemäss neues Fettge-
webe», erklärt Robinson weiter. «eore-
tisch ist es aber natürlich auch bei neuen
Fettdepots glich, diese wieder mittels
Kryolipolyse abzubauen
Robinson testet alle neuen Behandlungsmethoden
selbst. Im Falle der Kryolipolyse zeigten sich
bereits nach der ersten Anwendung Erfolge.
Bei besonders hartnäckigen Fettpolstern kommt
zusätzlich noch die Massage mit Ultraschall zum
Zuge. Auch dieses Verfahren ist nicht-invasiv und
schmerzlos.
24
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
REPORTAGE
TRANS* IN KOLUMBIEN
Zwei Jahrzehnte gehörte Javier zu Lateinamerikas ältester Guerilla-Organisation
Farc – und unterdrückte die ganze Zeit seinen Wunsch, eine transsexuelle Frau zu
sein. Mehrere Jahre nach der Flucht kommt Dayana ihrem Ziel schrittweise näher.
Fher Farc-Rebell, heute Transfrau:
Dayanas neues Leben
nen Partner. «Es gab einen Mann, der mir
ge el, aber ich habe ihm nie etwas gesagt»,
erinnert sich Dayana. «Hätte jemand etwas
gemerkt, hätten sie meinetwegen einen
Kriegsrat abgehalten.» In solchen internen
«Gerichtsverfahren» entschieden die Gue-
rilleros, ob jemand aus den eigenen Reihen
sterben musste. Oder weiterleben durfte.
Nach Zahlen der kolumbianischen
Regierung meldeten sich 1800 Menschen,
die einer sexuellen Minderheit angehören
und während des Kon ikts mit der Farc
wegen ihrer sexuellen Orientierung Gewalt
ausgesetzt waren. Aktivisten sagen, die
Dunkelzahl sei höher.
Die Farc schloss im November 2016
einen historischen Frieden mit der Regie-
rung – nach mehr als fünfzig Jahren Kampf.
VO N G I U SEP PE PA L A CI N O
I
hr Name ist Dayana – als sie bei der Farc-
Guerilla kämpfte, hiess sie noch Javier.
Und war ein Mann. Die grossen, kfti-
gen Hände sind ein scharfer Kontrast zur
weiblichen, langen Mähne, die die Ex-Re-
bellin trägt.
Dayana stammt aus einer armen Fami
-
lie und wurde von der Grossmutter grossge-
zogen. Die heute 46 Jahre alte Transsexuelle
kämpfte zwanzig Jahre lang in den Reihen
der Rebellen von Lateinamerikas ältester
Guerilla, den «Fuerzas Armadas Revolucio-
narias de Colombia». Bis zu ihrer Flucht im
Jahr 2010 unterdrückte sie ihr wahres Ich.
Transsexuelle haben zwar klare Ge-
schlechtsmerkmale, fühlen sich aber dem
anderen Geschlecht zugehörig und als
Mensch im falschen Körper.
«Soziale Säuberungen» von sexuellen
Minderheiten
Geldmangel hatte sie damals dazu ge-
bracht, der Farc beizutreten. Dabei versr-
te sie schon immer das Verlangen, sich als
Frau zu geben. «In der Farc hätte ich nie-
mals sagen können, dass ich schwul oder
transsexuell bin - aus Angst, sie töten mich»,
erhlt Dayana. In jenen Jahren im kolum-
bianischen Urwald sah Dayana eigenen
Worten zufolge einige sterben, «weil sie ho-
mosexuell waren» und die Farc-Guerilla
«dies nicht akzeptiert».
«Ich weiss, dass es mehrere Personen
wie mich in der Farc gab, doch sie sprachen
aus Angst nie darüber.» Diese Angst liess
Dayana zwanzig Jahre lang vorgeben, sie sei
Javier. Während all dieser Zeit hatte sie kei-
25
REPORTAGE
TRANS* IN KOLUMBIEN
Die Ex-Guerilleros wollen nun als Partei für
ihre Ziele wie eine gerechtere Landvertei-
lung eintreten. Ein neues Leben aufzubau-
en, ist schwer, viele fürchten auch Racheak-
te für die im Untergrund verübten Taten.
Neues Leben ohne Waffen
Dayana träumte lange von einem Leben aus-
serhalb der Rebellengruppe. Tag für Tag war-
tete sie auf eine Gelegenheit zu entkommen.
2010 kam der Moment. «Ich war in San José
del Guaviare auf Wache, ich kannte die Ge-
gend und wusste, in welchem Abschnitt die
[kolumbianische] Armee war», sagt Dayana.
«In der Nacht, als es ganz dunkel war,  ng ich
an zu laufen und bat einen Bauern, mich mit
einem Boot über den Fluss zu bringen
Als Dayana sich den Behörden stellte,
brachten sie sie in die Hauptstadt Bogotá.
«Einige Zeit danach ng ich meine Transi-
tion zur Frau an», erzählt Dayana weiter. «Es
kam der Moment, an dem ich sagte: Es
reicht, ich werde sein, was ich will.» Sie  ng
an, sich dezent zu schminken, das Haar
wachsen und kastanienbraun färben zu las-
sen und Blusen in Rosétönen zu tragen.
Zurück blieb der Farc-Soldat, für den
sie sich nicht schämt. Sie sei nicht gezwun-
gen worden einzutreten. Sie habe auch nie-
mals versucht, diese Vergangenheit zu ver-
gessen. «Ich weiss, dass ich keine Frau bin,
auch kein Mann, ich bin ein transsexuelles
Mädchen und glücklich damit
Mit ihrer Familie traf sich Dayana ein-
mal in Bogotá, das Verhältnis ist kühl und
distanziert. «Meiner Schwester habe ich er-
hlt, dass ich transsexuell bin, doch sie war
nicht sehr gcklich damit. Meine Mutter
weiss nichts davon, und das letzte Mal frag-
te sie mich, wann ich mir die Haare schnei-
den lasse.»
Zu ihren Zukunftsplänen gehört unter
anderem, einen Ausweis mit ihrem neuen
Namen zu beantragen und die Hormonbe-
handlung fortzusetzen, um weiblichere For-
men anzunehmen. Vor allem will sie weiter
die Freiheit geniessen. Eine Freiheit, die sie
zwanzig Jahre lang nicht hatte. (DPA)
Zurück blieb der Farc-Soldat,
für den sie sich nicht schämt. Sie
sei nicht gezwungen worden
einzutreten.
«Ich weiss, dass ich keine Frau bin, auch kein
Mann, ich bin ein transsexuelles Mädchen und
glücklich damit.» Noch aber ist die neue Zukunft
für Dayana äusserst fragil.
A N ZE IG E
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alTern miT HiV
Schwelle bei 60 gesetzt, dann hätten wir viel
weniger Patienten einschliessen können. Ein
bedeutender Vorteil dieser Studie ist die
grosse Zahl an Teilnehmern sowie deren Zu-
sammensetzung, die repräsentativ ist für die
HIV-positiven Personen in der Schweiz. Das
wird sich in den Resultaten spiegeln.
Liegen bereits Resultate vor?
Nein. Die erste Testreihe wurde erst im
Spätsommer 2016 bei allen Teilnehmern
abgeschlossen.
Wie geht eine solche Untersuchung vonstatten?
Für alle Tests bei einem Studienteilnehmer
benötigen wir einen ganzen Tag. Wir neh-
men Blut- und Urinproben (nüchtern) ab,
messen die Knochendichte, fahren eine ko-
ronare Computertomograe und erfassen
mittels neuropsychologischer Testung die
geistige Fitness. Bei der Verlaufsuntersu-
chung nach zwei Jahren führen wir zusätz-
lich ein Interview zu den Erhrungsge-
wohnheiten durch.
Damit festgestellt werden, ob Menschen
mit HIV schneller altern als die Allgemein-
bevölkerung, muss mit einer
negativen Kontrollgruppe verglichen
werden
r die Herzkranzgefässe-Untersuchung
haben wir eine HIV-negative Kontroll-
gruppe. In dieser erfassen wir zusätzliche
Informationen wie Risikofaktoren für
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Medika-
menteneinnahme, körperliche Tätigkeit
und weitere Informationen.
Doch für die gesamte M+A-Studie
haben wir keine HIV-negative Kontroll-
gruppe. Das re logistisch und nanziell
eine grosse Herausforderung. Zudem re
es grundsätzlich schwierig, eine geeignete
Vergleichsgruppe zunden.
Werden Sie die Frage, ob HIV das Altern
beschleunigt, beantwortennnen?
Ich hoffe es. Unsere Resultate werden ein
wichtiger Mosaikstein sein zur umfassen-
den Beantwortung dieser Frage.
Helen Kovari
ist Oberztin mit erweiterter Verantwortung
an der Klinik für Infektionskrankheiten und
Spitalhygiene des Universitätsspitals rich.
Als HIV-Spezialistin ist sie sowohl in der
Betreuung von Patienten wie in der Forschung
tätig. Im Rahmen der Schweizerischen
HIV-Kohortenstudie leitet sie zurzeit zwei
Studien, die sich mit dem Alterungsprozess
HIV- positiver Personen sowie dem Einuss
von HIV auf die Leber beschäftigen.
* Das Interview ist in ausführlicher Form in den «Swiss Aids
News» des Bundesamts für Gesundheit (BAG) nachzulesen.
26
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
KULTUR
BUCHTIPP
BUCHTIPP
Garth Greenwell:
Was zu dir gehört. Berlin 2018.
Preis CHF 33.90
ISBN 9783446258525
Verliebt in einen
Fremden
Laut Klappentext ist dies der «grosse schwule Roman unserer Zeit».
Eine etwas vollmundige Ankündigung?
VO N B I RG I T K AWOH L
G
arth Greenwell, geboren 1978 in
Kentucky, arbeitete zuchst als
Lehrer in den USA, anschliessend in
Soa, Bulgarien. In seinem Roman «Was zu
dir gehört» greift er oenbar Teile seiner
Biograe auf, die er auch schon in seiner
früher erschienenen Erhlung «Mitko»
thematisiert hat.
Der Roman, verfasst in der Ich-Per-
spektive, besticht durch sein hohes sprach-
liches Niveau, das allerdings immer wieder
von pornoesken Schilderungen durchbro-
chen wird. So ndet sich schon im Anfang in
einer sich über zig Zeilen erstreckenden
Hypotaxe die Äusserung: «befreite er die
lange Röhre seines Schwanzes aus seiner
Jeans», was den Leser zumindest anfangs
irritiert, wenn nicht gar schockiert. Durch
den ganzen Roman fällt diese Diskrepanz
zwischen hochwertiger Sprache und dem
im Strichermilieu spielenden – Inhalt und
daran angepasste Formulierungen auf.
Der Ich-Erhler also, Amerikaner,
Lehrer in Soa, schwul. Mehr erfährt man
auch kaum über ihn und seine Lebensum-
stände zum Beispiel wird an keiner Stelle
sein Name erhnt –, obwohl sich der Ro-
man ansonsten mehrfach seitenweise in ir-
gendwelchen Schilderungen verliert, sei es
die der Natur oder einer Busfahrt. Dieser
Mann also lernt in der Toilette des Kultur-
palastes von Soa einen Stricher, Mitko,
kennen, dem er sofort verfallen ist. Er sst
sich von ihm ausnutzen, sodass sich der
Leser mehrfach fragt, wann endlich wacht
er auf? Zugleich oenbart sich in dem Ver-
ltnis aber auch ein Machtgefälle, denn
bald wird deutlich, dass der Erzähler seine
Möglichkeiten ausnutzt, um Mitko zu de-
mütigen und mit seinem Unvergen zu
konfrontieren.
In einem Rückblick in die Kindheit
und Jugend, angesiedelt im mittleren Kapi-
tel, erfährt der Leser, dass für den Protago-
nisten seine schwule Sexualität immer
ganz eng mit Scham und Schuldgefühlen
verbunden ist. Umso versndlicher wird
seine Zerrissenheit in der Beziehung mit
Mitko, die eben nicht nur den Makel der Ho-
mosexualität, sondern auch den des bezahl-
ten Sexes sowie dem daraus resultierenden
Verbotenen hat. Dies wird besonders oen-
sichtlich, als Mitko nach einer Zeit der Tren-
nung vor der Türe steht und beichtet, dass er
an Syphilis leide, seit Langem schon, und
damit den Erzähler angesteckt haben kön-
ne, was sich später bestätigt.
Das Verhältnis der beiden oenbart
eine eklatante psychische Abhängigkeit, die
in der fatalen Obsession des Ich-Erzählers
begründet ist, der zu keinem klaren Gedan-
ken und zu keiner realistischen Einschät-
zung oder Entscheidung in der Lage zu sein
scheint. Der Leser erkennt vom ersten Tref-
fen der beiden, dass sich aus dieser Bezie-
hung niemals Glück ergeben kann. Liebe
wird vielmehr zu einem Makel, wenn nicht
gar zu einer Gefahr, von der sich der Prota-
gonist letztendlich nur unter Aufbringung
seiner ganzen Kraft befreien kann. Und am
Ende feststellen muss, dass ihm seine gros-
se Liebe immer fremd geblieben ist, der
Schein war lediglich in seinem Verlangen
begründet und in seiner Vergangenheit, die
ihn nicht zu einer Akzeptanz seiner Sexua-
lität hat nden lassen.
Ob dies nun wirklich «der grosse
schwule Roman unserer Zeit» ist, mag da-
hingestellt bleiben, da kämen sicherlich
ganz andere Werke in Betracht, erinnert sei
nur an das im vergangenen Jahr erschiene-
nen Monumentalwerk von Yanagihara, aber
immerhin haben wir hier einen schwulen
Roman, der sprachlich überrascht und
überzeugt, auch wenn er einige Längen in
scheinbar willkürlich ausgedehnten Be-
schreibungen aufweist.
Liebe wird vielmehr zu einem
Makel, wenn nicht gar zu einer
Gefahr, von der sich der Prota-
gonist letztendlich nur unter
Aufbringung seiner ganzen Kraft
befreien kann.
27
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
SZENE
GAY-SERIENMÖRDER
Das Rätsel Bruce McArthur:
Polizei in Toronto ver-
mutet Gay-Serienmord
Den Gärtner Bruce McArthur hatte die Polizei in Toronto schon länger im Visier.
Nun zeichnen grauenvolle Leichenfunde das Bild eines schwulen Serientäters.
Ist McArthur der Schlüssel zu einer Reihe ungeklärter Vermisstenfälle?
VO N J OH A NNE S S C H MI T T-TE GGE
Ü
berreste von Leichen in Blumentöp-
fen und ein rtner als mutmassli-
cher Serienkiller: Der Fall aus Toron-
to lässt einem die Haare zu Berge stehen.
Mindestens fünf nner soll der 66 Jahre
alte Bruce McArthur dort auf dem Gewissen
haben. Die grausigen Funde auf einem Pri-
vatgrundstück in der kanadischen Metro-
pole geben den monatelangen Ermittlun-
gen der Polizei nach mehreren Vermissten
einen neuen Schub. Insgesamt wurden auf
dem Grundstück, das der Gärtner genutzt
hatte, die Überreste von sechs Leichen ent-
deckt, wie die Polizei auf Twitter mitteilte.
Trotz der Entdeckung sind noch viele
Details unklar. nf der Toten ssten
noch identiziert werden, berichtete der
«Toronto Star» nach den Funden vom Don-
nerstag. Es sei unklar, ob diese fünf zu den
Vermissten zählten, schrieb die Zeitung
«Globe and Mail». Unter den Funden waren
aber auch Überreste von Andrew Kinsman,
der vergangenes Jahr Medienberichten zu-
folge unter mysteriösen Umständen aus
dem Schwulenviertel von Toronto ver-
schwunden war. Mit ihm soll der Verdächti-
ge McArthur eine sexuelle Beziehung ge-
habt haben.
«Die Stadt Toronto hat so etwas noch
nie gesehen», sagte der führende Ermittler
Hank Idsinga. Alle zur Verfügung stehen-
den Mittel würden auf den Fall verwendet.
Die Ermittlungen seien «beispiellos». McAr-
thur, der im Januar verhaftet wurde, wird
bislang fünacher Mord vorgeworfen. Ob
diese lle mit den neuen Funden zusam-
menhängen, sei aber noch unklar. «Wir
konzentrieren uns auf das, was wir haben,
also die Überreste», sagte Idsinga. Hoent-
lich würden die weiteren Toten bald identi-
ziert werden.
Medienberichten zufolge hte
McArthur auf dem Grundstück den Rasen,
um im Gegenzug in der Garage Gartenge-
räte unterstellen zu können. Die Polizei
suchte dort bereits seit drei Wochen nach
Hinweisen und räumte im Rahmen der Er-
mittlungen auch die Garage aus.
Die teils mit Radartechnik und Hun-
den suchenden Beamten dehnten ihre Er-
mittlungen auf mehr als 30 Anwesen aus,
die mit McArthurs Gärtnerei-Unternehmen
in Zusammenhang stehen. Eine Schnee-
decke und gefrorener Boden erschwerten
dabei die Suche. Der Boden im Garten des
Privatgrundstücks wurde mit Heizgeräten
aufgetaut und soll nun unter Aufsicht einer
Forensik-Expertin ausgehoben werden. Um
in dem Fall voranzukommen, müssen Er-
mittler DNA-Proben der Überreste mit Da-
ten Hunderter Vermisster abgleichen.
McArthur wird laut «Toronto Star» un-
ter anderem der Mord an drei nnern im
Alter zwischen 40 und 58 Jahren vorgewor-
fen, die 2012 aus dem Schwulenviertel To-
rontos verschwanden. Medienberichten zu-
folge bewegte sich McArthur in der Szene,
wurde aber nach einer von ihm verübten
Messerattacke im Jahr 2001 verurteilt und
durfte das Gay Village danach zwei Jahre
lang nicht betreten.
Eine Website zur Suche nach dem zu-
vor vermissten Andrew Kinsman, dessen
Überreste die Polizei nun identizierte, be-
stätigte den Fund. (DPA)
Der 66-jährige Mörder ist vermutlich ein Serien-
täter. Über sein Motiv und seine eigene sexuelle
Ausrichtung wird derzeit noch gemutmasst. Das
Bild stammt von der Polizei in Toronto, via Face-
book. Es ist also öffentlich und daher druckt
Cruiser dieses ab, da in diesem Fall auch nicht
mehr die Unschuldsvermutung gilt.
28
PREP
MORALINSAURE GESUNDHEITSDISKUSSION
VO N A N D R E A S L E H NER
R
echtsrutsche und Verschwörungs-
theorien wollen unser schönes, bun-
tes Leben kaputtmachen. Und es
scheint so, als ob über Jahrzehnte erkämpf-
te Rechte im TGV-Tempo zunichte gemacht
werden… von einer Gesellschaft, die angst-
geprägt überall nur noch die Unterdrü-
ckung der cis-heteronormativen christli-
chen Werte sieht. Diesen Krieg meine ich
aber nicht, nein.
Mit Krieg meine ich auch nicht diese
moralinsaure Diskussion um unsere Ge-
sundheit. Dass uns Ämter und Doktoren*
klarmachen wollen, dass wir mit aus-
schweifendem Sexualleben und unkontrol-
lierten Trieben selber schuld am Untergang
des Abendlandes sind, ist nachvollziehbar.
Wer keinen Sex hat, kann leicht bewerten.
Und wer beim Sex das Licht löscht und nicht
lächelt, muss zwangsläug Angst kriegen
vor dem Leben in freudiger nde. Auch
wenn Fakten schon nger klarmachen,
dass die Zunahme der Geschlechtskrank-
heiten viel mit dem Testverhalten und neu-
en, besseren Tests zu tun hat.
Nein, was mir so unglaublich auf den
Sack geht, ist dieses nervige Rumgestänkere
um die PrEP unter uns Schwulen. Was soll
das? Anstatt zusammenzustehen und uns
weiterhin für unsere sexuellen Rechte und
unsere Gesundheit einzusetzen, spalten wir
uns intern in Kondombefürworter (aka
PrEP-Gegner) und umgekehrt.
Liebe Kondombefürworter: Ihr macht
das gut! Wer konstant und immer ein Kon-
dom benutzt und das auch unter widrigsten
Umständen durchziehen kann, hat eine
Medaille verdient. Und wers im Vollsu
oder auf Drogen immer noch kann, umso
besser. Bleibt wie ihr seid. Aber lasst bitte
die PrEP-Benutzer in Ruhe. Weder sind sie
für den Anstieg der Geschlechtskrankhei-
ten verantwortlich, noch für die Qualität in
euren Betten. Denn wer PrEP nimmt, sst
sich öfter testen. Und das hilft allen!
Liebe PrEP-Befürworter: Auch ihr
macht das gut. Vor allem dann, wenn ihr
euch regelssig testen lasst. Aber lasst
doch bitte die Kondombenutzer in Ruhe.
Die machen das auch gut. Und wer eine
PrEP nimmt, ist übrigens nicht automatisch
besser im Bett. Dazu braucht es noch im-
mer ganz viel Lust und Freude und Einfüh-
lungsvergen.
So. Letzte Nacht habe ich wild ge-
träumt. Wir haben das ganze Romatikpro-
gramm durchgezogen: Sonnenuntergang,
Einhörner, Regenbogen und Blumen im
Haar etc. Die Liste ist unvollständig. Dann
haben wir uns alle hemmungslos dem Sex
hingegeben. Alle Varianten, kreuz und quer
und sowieso. Was für eine Freude ist guter
Sex! Der übrigens auch gut mit einem Kuss
oder einem netten Wort beginnen darf.
Lasst uns zusammen kämpfen für das,
was wichtig ist im Leben: Gleichheit in allen
Belangen, Brüderlich- und Schwesterlich-
keit und Friede auf Erden.
ANDREAS LEHNER
Andreas Lehner ist stv. Geschäftsführer und
Leiter des Programms MSM bei der Aids-Hilfe
Schweiz. Als Privatmann ist Andreas seit 1996
als Fotograf, Zeichner und Texter erfolgreich
tätig. Seine grösseren Reportagen – unter an-
derem über Osteuropa, Afrika und Russland –
erscheinen im Jahresrhythmus beispielsweise
in der WOZ. Andreas wohnt und arbeitet in
Zürich. Infos unter: www.andreaslehner.com
Wer ficken will,
muss freundlich sein
Jungs, wir sind im Krieg! Und ich meine nicht die
politische Entwicklung in der Welt
Was für eine Freude ist guter
Sex! Der übrigens auch gut mit
einem Kuss oder einem netten
Wort beginnen darf.
myprep.ch
PrEP?
Dr. Gay weiss
Bescheid.
A N ZE IG E
29
CRU I S E R M Ä R Z 2 018
KOLUMNE
MIRKO
Mirko überlegt
zu studieren
VO N M I RKO
S
guete vo ri ist, dass es langwiilig
ist. Klein und langwiilig. Ja, schön au
und mer verdient gut. Sorry, aber so
viel Droge gits nöd, dass es hier lang span-
nend ndsch. Guet, chasch verreise. Ma-
ched ja alli, jedes Weekend. Jede Tag Die-
tike–Züri, am Morge zwische de Mensche
iklemmt, im Winter mottet d Mäntel nach
Suppe vom letzten Abend, im Sommer
schweisselets und nöd uf die guet Art. Tags-
über, ach, nüt bsondrigs. Halt so was chunnt.
Um mich ume, das sind Roboter. Roboter im
Zug, wo ufs IPhone X starret. Die reagieren
nicht. ngmol chunnt denn en Aafrag uf
Grindr und ich nk, shit, Junge, ich ha di
scho gseh vorher, aber du mi nöd und jetzt
isch zspot. rzlich hat mich ein Velo fasch
überfahre, Mann, uf em Trottoir, de het nöd
glueget, nüt gseit und ich ha dänkt: Das isch
scho fasch en Zombie, nöd emol meh en Ro-
boter. Der hat nicht mal gemerkt, dass er
mich fasch überfahre het. Der ist einfach
programmiert von A nach B zu kommen.
Weisch, Menschen könnten etwas mitein-
ander anfangen, vielleicht sogar Spass ha-
ben auf dem Weg zur Arbeit oder wenigs-
tens mal es Smile, nöd es Smilie, schicke.
Jetz de Winter, wieder sitz i mol im
Dunkel im Zug nach ri, d Jacke vo de einte
im Face und min Blick  xiert uf de Zipper vo
de Hose vo ihrem Fründ. Also ich mit star-
rem Blick und ho e, dass sich döt das Ding,
wo rechtsliegend dur de Sto druckt, bewe-
gen würde. Wie heisst der mit der Schlange
auf Sajam, de Chilbi? Schlangebeschwörer.
Aber das Ding bewegt nicht. Langwiilig,
denke ich, und das schon am Morgen. Aber
langwiilig het Vorteil. Hei Alte, das isch mis
Läbe, han i dänkt, und was isch passiert?
Nei, vergiss es. Das isch äbe nöd passiert,
das Ding het sich immer noch nicht bewegt.
Wär döt nöd ganz klar si Fründin dabei ge-
wesen, ich hätti igri e und denn häts be-
wegt, chasch mir glaube! Also, das Ding het
guet usgseh i dene Slim ts, ach ja, die Beine
waren auch sharp, nöd nur das dezwüschet.
Aber was denn passiert isch, glaubsch nöd.
Ich ha plötzlich gmerkt, das halt ich nicht
mehr aus. Ich cha scho meh, aber Schlange-
beschwörer wird’s d, und ich ha mi ent-
schlosse: Ich studier. Roboter, das wird’s.
Also Informatik halt und denn will ich Ro-
boter programmiere. Das isch Zuekunft,
Mann. Ich ha’s voll druf, echt jetzt. Ich sollt
anfangen zu studieren, das wärs. Balkan-
jungs überholed die Schweizer, müend uf-
passe! Wenn ich denke, majcica und tata
sind no i d Schwiz g üchtet und ich könnt
jetzt studiere. Sie sind echt stolz, mini rodi-
telji. Wenn ich studiere würd, dänn würd
ichs au d verbocke, chasch sicher si. Ob-
wohl, ich käm sicher mängmol scho z spot
ine Vorlesig oder so. Denn ich könnt auf dem
Weg in den Vorlesungssaal in der Toilette
steckenbliibe, oder eher ime andere Studi.
LOL. Ja, Alte, ich will Roboter programmie-
re, ich will ja keiner werde. Stopp, warum
will ich das Studium anfangen? Ok, das
Ding het sich nöd bewegt, aber villicht isch
au grad no ein Artikel über Sexroboter im
20Sekunde gstande. Ich stell mir das super
vor. So eine Maschine, die dann auch wirk-
lich tut, was sie auf Grindr verspricht. Das
re mal eine Abwechslung. Da