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Ausgabe 06 | November 2017 | CHF 6.80
Senkungen
Organe am falschen Ort
Mitarbeitermotivation
Warum sie schwierig ist
Demenz
Das Dorf der Vergesslichen
Tinnitus
Höllengeräusche im Ohr
2 A LTA V I S TA M A I
2 0 17 XXX XXX
Aus der Praxis für die Praxis: Monatlich aktuell zum Vorzugspreis
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Geburtsdatum
PLZ | Ort | Land Unterschrift
Impressum Editorial Inhalt
Chefredaktion
Peter Empl
Herausgeber
Naeim Said
Autoren dieser Ausgabe
Peter Empl
Marianne Gamper
Daphne Hafner
Christoph Held
Stephan Inderbizin
Angelika Jacobs
Birgit Kawohl
Theresa Münch
Christiane Oelrich
Michi Rüegg
Volker Viereck
Marlies von Siebenthal
Beate Wagner
Art Direction
Pomcanys Marketing AG,
pomcanys.ch
Korrektorat
Birgit Kawohl
Agenturen
DPA, SDA, Keystone, Fotolia, Shut-
terstock. Alle Texte und alle Bilder
mit Genehmigung der Urheber.
Web
www.altavistamagazin.ch
redaktion@altavistamagazin.ch
Administration
Telefon 044 709 09 06
Anzeigen
Tina Bickel, Verlagsleiterin
Telefon 044 496 10 22
tina.bickel@pomcanys.ch
anzeigen@altavistamagazin.ch
Nächste Ausgabe
1. Dezember 2017
Druckauflage
25 000 Ex.
AltaVista ist in der Schweiz als Marke eingetragen.
ISSN: 2504-3358
www.altavistamagazin.ch
Naeim Said
Herausgeber
Peter Empl
Chefredaktor
4 TINNITUS
HÖLLENGERÄUSCHE IM OHR
9 RATGEBER
BETTWANZEN
10 FOKUS
SENKUNGEN
13 KOLUMNE
DR. CHRISTOPH HELD
14 PRAXIS
MITARBEITERMOTIVATION
17 EPIDEMIE
CHOLERA
18 MEDIZIN
NOBELPREIS
20 BUCHTIPP
ZWANGSERKRANKUNGEN
22 NEWS
GESEHEN & GEHÖRT
24 THEMA
DICKE KINDER
26 REPORTAGE
KOMMUNE FÜR DEMENTE
28 STUDIE
ASYL & DEPRESSION
29 FORSCHUNG
INNOVATION
30 INFO
NATIONAL & INTERNATIONAL
32 PERSONALSTUDIE
BERUFSWAHL FAGE
34 POLITIK
KRANKENKASSEN
E
nde Oktober wurde die Zeit
umgestellt: Das bedeutet je-
weils auch zwei Mal pro Jahr
volle Leserbriefspalten. Denn
fast kein Thema polarisiert derart,
wie die Umstellung von der Sommer-
zeit zur Winterzeit – und umgekehrt.
Warum dieses Thema so ein Aufreger
ist, hat nun indirekt ein Wissen-
schaftsteam herausgefunden. Für
die Entschlüsselung der «Inneren
Uhr» wurden die Forscher dieses
Jahr mit dem Nobelpreis geehrt; wir
haben in der Magazinmitte alle Infos
darüber.
Der Pflegealltag kann hart sein, vor
allem wenn es an Motivation fehlt.
Wie wichtig dieses Thema im Be-
rufsalltag ist, zeigen wir in unserem
Bericht rund um das Thema Mitar-
beiterzufriedenheit – traurigerweise
tangiert die (Un-)Zufriedenheit auch
fast alle Berufe im Gesundheitswe-
sen. Denn ein Fünftel aller Beschäf-
tigten arbeitet weniger als fünf Jahre
auf dem erlernten Beruf.
Wir wünschen Ihnen spannende Lek-
türe mit der aktuellen Ausgabe!
Herzlich
Naeim Said, Herausgeber &
Peter Empl, Chefredaktor
INHALT NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 3
4 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 TITELTHEMA TINNITUS
Tinnitus: Wenn das Leben
zum Dauerrausch wird
Immer mehr Menschen klagen über Ohrgeräusche. Bei Millionen klingelt, pfeift und
zirpt es und nur wenig hilft dagegen.
BEATE WAGNER
A
uf diesen Abend hatte sich
Timm Pauser lange gefreut.
Das neue Motorrad stand im
300 Kilometer entfernten Werk
zum Abholen bereit. Bei Nacht und bis
zu 220 Stundenkilometer durchschnittlich
schnell, führte er die neue Maschine heim.
«Dunkelheit, Geschwindigkeit und Lärm
erforderten absolute Konzentration», erin-
nert sich der 29-Jährige. «Das war Stress
pur
Als Pauser am nächsten Morgen auf-
wachte, registrierte er ein übles Pfeifen im
Ohr. Für ihn kein Grund zur Sorge, denn er
kannte das Geräusch – schon öfter hatte es
nach einer langen Disconacht oder einem
lauten Konzert im Ohr ge ept. Diesmal aber
blieb der Ton. Noch heute, gut eineinhalb
Jahre nach der Jungfernfahrt quer durch die
Schweiz und Deutschland, leidet der gebür-
tige Deutsche Timm Pauser darunter. Die
HNO-Ärzte und Tinnitus-Experten in der
ganzen Schweiz hat der Mathematiker
längst konsultiert. Die dort angewandten
Therapien konnten ihm alle nicht helfen.
Millionen Menschen leiden
Der Begriff Tinnitus entstammt dem latei-
nischen Wort tinnire, klingeln. Wer davon
befallen ist, hört «Signale aus dem Nichts»,
also Ohrgeräusche, die nicht durch äussere
Schallquellen bedingt sind.
Das Phänomen ist bereits vor dreiein-
halb Jahrtausenden beschrieben worden.
Der griechische Philosoph Platon berichte-
te über «kosmische Musik», die ihn ständig
begleitete. Bedrich Smetana, Jean-Jacques
Rousseau und Ludwig van Beethoven
machte der Tinnitus zu schaffen. Heute
zieht das leidige Ohrgeräusch weitaus grös-
sere Kreise: Rund jeder sechste Patient, der
einen Allgemeinarzt aufsucht, klagt darü-
ber, bei den Hals-Nasen-Ohren-Experten
ist sogar jeder vierte davon betroffen.
Insgesamt sind es mehrere Millionen
Menschen, bei denen es ständig im Kopf
brummt, klingelt, zischt oder zirpt. Dabei
sind diese Töne sehr vielfältig und indivi-
duell verschieden, und im Laufe der Zeit
ändern sie sich sowohl im Klangcharakter
als auch in der Lautstärke.
Im Alter nimmt neben der Schwerhörigkeit
auch der Tinnitus zu, doch die Gehörstörung
ist keineswegs ein Seniorenproblem: Zehn
Prozent der 40- bis 54-Jährigen und mehr als
fünf Prozent der jungen Erwachsenen unter
30 leben mit einem Dauergeräusch im Ohr.
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass zu-
nehmende Lärmbelästigung und der wach-
sende Stress in unserer Gesellschaft das Ri-
siko für Tinnitus erhöht haben. Bei vielen
Patienten tritt er dann auf, wenn sie stark
belastet sind und sprichwörtlich «viel um
die Ohren haben».
Wenig Spezialisten
Meist vergeht das Gesummse schon nach
ein paar Minuten, spätestens nach ein paar
Wochen wieder. In anderen Fällen bleiben
die Geräusche zwar bestehen, stören aber
nicht weiter: Die Betroffenen emp nden
sie lediglich unter Anspannung, psychi-
schem Stress oder Stille als unangenehm.
Für etwa eine Million Betroffene jedoch
bedeutet das Dauerrauschen puren Terror.
Sie sind vom Stress im Kopf derart
TITELTHEMA TINNITUS NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 5
zermürbt, dass er ihr gesamtes Leben
durchdringt. Sie können nicht mehr schla-
fen, sich nicht mehr entspannen und haben
Mühe, sich in Gesprächen und beim Arbei-
ten zu konzentrieren. Ängste quälen und
sie scheuen soziale Kontakte. Viele werden
depressiv.
So ist es nicht überraschend, dass zum
Beispiel die Tagesklinik der Berliner Charité
regen Zulauf aus ganz Deutschland und so-
gar aus der Schweiz hat. Die Spezialisten
haben eine sieben- oder vierzehntägige In-
tensivbehandlung ausgearbeitet, an der je-
weils maximal acht Patienten teilnehmen.
Timm Pauser hat sich nach seinen vergebli-
chen Versuchen, ärztliche Hilfe in der
Schweiz zu nden, in Deutschland angemel-
det. Wie er leiden auch seine Mitpatienten
unter chronischen Ohrgeräuschen. Und wie
er haben sie nur ein Ziel: endlich lernen, mit
dem ständigen Begleiter klarzukommen.
Sie lauschen den Tipps der HNO-Ärz-
tin und Leiterin des Zentrums Birgit Mazu-
rek: «Meiden Sie die Stille, schlafen Sie bei
Meeresrauschen ein, versuchen Sie, wieder
Geräusche von aussen wahr zu nehmen.»
Eine Heilung gebe es nicht, sagt die
Fachärztin. Seien die Betroffenen aber be-
reit, an sich zu arbeiten, könnten sie das
Geräusch weitestgehend verdrängen.
Die Patienten der Tagesklinik bemühen sich
redlich in den hellen und freundlich gestalte-
ten Räumen: Mit Entspannungsübungen
bauen sie Stress ab. In verhaltenstherapeu-
tisch geführten Gruppen- und Einzel-
gesprächen tauschen sie sich über die quä-
lenden Dauertöne und ihre damit verbunde-
nen Sorgen und Ängste aus. In der Hörthera-
pie gehen sie unter Anleitung mit ge-
schlossenen Augen auf die Strasse und ler-
nen, das Hören wieder bewusst wahrzuneh-
men. Bei Bedarf wird ihnen ein Hörgerät
angepasst und eventuell mit einem so ge-
nannten Noiser gekoppelt, der ein beständi-
ges leises Rauschen ins Ohr spielt.
Ziel des Geräts ist es, eine höhere Sig-
naldichte ins Ohr zu übertragen, die dann
an das Gehirn weitergeleitet wird. So kann
die Aufmerksamkeit vom Dauerton wegge-
lenkt werden. «Wenn sich die Patienten
wieder auf andere Geräusche konzentrie-
ren, lernen sie ihren Tinnitus zu überhö-
ren», erklärt Mazurek.
Entwickelt wurde diese Retrainingtherapie
Anfang der 90er-Jahre in Amerika, heute
verzeichnen europaweit Mediziner damit
gute Erfolge. In besagter Tagesklinik arbei-
ten HNO-Ärzte, Psychosomatiker, Psycho-
logen, Physiotherapeuten und Hörgerä-
te-Akustiker zusammen. Sie betreuen jeden
Patienten nach einem individuellen Thera-
pieplan, bereiten ihn auf die Zeit nach der
Intensivtherapie vor und behandeln ihn bei
Bedarf darüber hinaus weiter. Britischen
Studienergebnissen zufolge tritt der grösste
Effekt der Therapie nach ein bis zwei Jahren
ein. Dann protieren mehr als 80 Prozent
der Betroffenen vom Retraining.
Die Frage nach dem «Warum»
bleibt unbeantwortet
Bis heute ist es den Wissenschaftlern je-
doch nicht gelungen, die Frage zu klären,
warum Menschen ein Geräusch hören, das
es objektiv nicht gibt. Mehrere Experten-
teams suchen seit Jahren nach der Antwort.
Meiden Sie die Stille, schlafen Sie bei Meeresrauschen
ein, versuchen Sie, wieder Geräusche von aussen
wahrzunehmen.
6 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 TITELTHEMA TINNITUS
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ren wie der Positronen-Emissionstomograe heraus, dass bestimm-
te Hirnareale bei Tinnitus-Patienten abnorm aktiviert sind. Da die
Geräusche aber ausschliesslich in der Wahrnehmung der Betroffe-
nen existieren, ist das Phänomen wissenschaftlich nur schwer zu
erfassen.
Eine schlüssige und alle überzeugende Theorie gibt es daher
noch nicht. Favorisiert wird von vielen Fachleuten das 1993 von
den amerikanischen Neurophysiologen Jastreboff und Hazell ent-
wickelte Modell, auf dem das Retraining basiert. Es erklärt den
chronischen Tinnitus als Folge einer Fehlschaltung im Gehirn.
Man geht davon aus, dass zunächst die Sinneszellen – so ge-
nannte Haarzellen im Innenohr – geschädigt werden. Auslöser kön-
nen Knalltraumata, Hörstürze, Mittelohrentzündungen, Halswir-
belsäulenschäden oder Nebenwirkungen von Medikamenten sein.
Oder aber ein Tumor drückt auf den Hörnerv, so dass dieser in sei-
ner Funktion beeinträchtigt wird. Folge ist eine gestörte Aktivität
der Nerven der Hörbahn – die Verbindung vom Ohr zum Zentralen
Nervensystem – die dann vom Gehirn irrigerweise als Geräusch
interpretiert wird.
Das Gehör dient evolutionsbiologisch als Frühwarnsystem.
Um schnell auf etwaige Bedrohungen reagieren zu können, steht
die Hörbahn mit Gehirnregionen in Verbindung, die die Aufmerk-
samkeit und Emotionen steuern. So assoziieren wir mit Autolärm
dreckigen Abgasgestank und nervigen Stau. Das Gluckern der Es-
pressomaschine schürt in uns hingegen positive Vorfreude auf bal-
digen Kaffeegenuss. Dem Tinnitus-Patienten wird genau diese
Kopplung zum Verhängnis.
Denn die unbekannten und somit alarmierenden Signale der
fehlgesteuerten Nerven werden im Limbischen System emotional
negativ bewertet und die gesamte Aufmerksamkeit darauf gerich-
tet. Das Gehirn ist nicht mehr in der Lage, die fremden Laute aus
der Wahrnehmung herauszultern.
Üblicherweise gelangt nur etwa ein Drittel aller akustischen
Signale in unser Bewusstsein. Die restlichen 70 Prozent der Umge-
bungsgeräusche, wie beispielsweise das Ticken des Weckers,
schätzt das Gefühlszentrum als unbedeutend ein und wir nehmen es
nicht wahr. Absolute Stille existiert aus neurobiologischer Sicht
nicht, das zeigte bereits in den 1950er-Jahren ein Experiment. Ge-
sunde Studenten, die in einer schalldichten Kammer sassen, nah-
men nach einiger Zeit Geräusche wahr. Auch ohne akustische Sig-
nale von aussen laufen also ständig spontan entstehende Impulse
über die Hörbahn. Das Gehirn hat nur gelernt, sie als «Stille» zu
interpretieren.
Mehrere Untersuchungen stützen die These, dass der Tinnitus
im Gehirn entsteht: So beobachteten Forscher in den 1960er-
Das Gehör dient evolutionsbiologisch
als Frühwarnsystem.
TITELTHEMA TINNITUS NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 7
Jahren, dass Patienten, die sich aus Ver-
zweiung über das Dauerleiden den Hör-
nerv durchtrennen liessen, zwar hinterher
taub waren, das nervende Ohrgeräusch
aber weiterhin wahrnahmen.
Ein weiterer Hinweis ndet sich, wenn
die Lautstärke gemessen wird: Demzufolge
ist der Tinnitus vergleichbar mit Blätterra-
scheln oder dem Rauschen eines Compu-
ters. Subjektiv beschreiben ihn die Patien-
ten als sehr viel lauter und sind davon
überzeugt, dass gerade die Lautstärke ent-
scheidend für ihre starken Beschwerden ist.
Verschiedene Therapieansätze
Hunderttausende Betroffene suchen jedes
Jahr wegen der quälenden Pein ärztliche
Hilfe, doch nur selten erhalten sie eine
schlüssige Erklärung für ihr vertracktes
Leiden: Tinnitus ist äusserst quälend, aber
eigentlich harmlos. Und bis heute gibt es
für die chronische Form keine wissen-
schaftlich fundierte Behandlung, die an den
Ursachen ansetzt.
Im akuten Stadium werden nach wie
vor durchblutungsfördernde Wirkstoffe
verschrieben. Sie sollen der frischen Sin-
neszellschädigung im Innenohr entgegen-
wirken. Je schneller dies passiert, desto
kleiner wird das Risiko, dass sich das Phan-
tomgeräusch über die Lernprozesse im Ge-
hirn festsetze, vermuten die Befürworter.
Auch die Sauerstoff-Überdruck-Be-
handlung folgt einem ähnlichen Prinzip:
Durch mehrere Sitzungen in einer Druck-
kammer erhöht sich die Sauerstoff-Kon-
zentration im Blut und damit auch im ge-
schädigten Innenohr.
In ihrer Not sind viele der chronisch
Geplagten mit blossen Heilungsverspre-
chen zu ködern: Von Gingko-Präparaten
über Laser- und Magnetfeldtherapie bis hin
zur Ohrkerze benden sich reihenweise
mehr oder weniger ominöse Angebote auf
dem Markt. Helmut Schaaf, leitender Ober-
arzt der Spezialklinik für Tinnitus im hessi-
schen Bad Arolsen, hält die meisten dieser
Behandlungsansätze für Geldschneiderei
und überüssig.
Er setzt bei seiner Therapie vielmehr dar-
auf, von Beginn an auch die psychischen
Aspekte mit einzubeziehen. «Es funktio-
niert nicht zu sagen: Da ist eine Krankheit,
die muss jetzt weg. Auch die HNO-Ärzte
müssen als erste Ansprechpartner beim
Tinnitus genau hinhören», betont er.
Oft haben die Patienten einfach nur
Angst, hinter den Ohrgeräuschen könne
sich eine ernsthafte Erkrankung verbergen.
«Bei ihnen hilft es schon, sie aufzuklären
und die konkreten Befürchtungen aufzulö-
sen», sagt der Ärztliche Psychotherapeut,
der selbst seit Jahren mit Tinnitus lebt. «Ei-
gentlich hat jeder Mensch Tinnitus. Ob
man ihn wahrnimmt, hängt davon ab, wie
gut es gelingt, den natürlichen Geräuschl-
ter des Gehirns anzuwenden und von den
Störtönen wegzuhören.»
Etwa 70 Prozent der Patienten in Bad
Arolsen gehen nach einer fundierten Diag-
nostik, ausführlichen Gesprächen und
eventuell noch einer Rauschgerätbehand-
lung erlöst nach Hause – obwohl auch bei
diesen Patienten, so Schaaf, der Tinnitus
nicht verschwunden sei, allerdings hätten
die störenden Geräusche jedoch ihre Bot-
schaft verloren.
Bei dem verbleibenden Drittel der nicht
«geheilten» Patienten, werden meist tiefer
liegende psychische Probleme diagnosti-
ziert. Einer Studie zufolge leiden fast
90 Prozent aller stark betroffenen, chroni-
schen Tinnitus-Patienten unter psychischen
Störungen wie Depressionen oder Angster-
krankungen. Bei ihnen reicht das übliche
Behandlungsprozedere gegen die Beschwer-
den des Tinnitus nicht aus.
Timm Pauser muss sich darum keine
Sorgen machen. Die Intensivbehandlung in
der Charité hat der junge Mann fast hinter
sich. Sein Pfeifen im Ohr ist nach wie vor
da, aber es stört ihn kaum noch. «Ich habe
Anleitungen bekommen, wie ich selbstbe-
wusst damit umgehen kann», sagt er. Vor
allem die Entspannungsübungen will er zu
Hause weitermachen. «Mein Tinnitus hat
mir gezeigt, dass es wichtig ist, mich zu or-
ganisieren und Prioritäten zu setzen, wenn
ich keinen Stress haben will.»
Nun freut sich Timm Pauser auf die
Rückkehr nach Hause. Denn dort wartet
wieder eine neue Maschine auf ihn. Fahren
wird er sie aber in Zukunft nur noch mit
lärmisoliertem Helm.
8 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 TITELTHEMA TINNITUS
Dreckwäsche zieht
Bettwanzen an
In Abwesenheit eines menschlichen Wirts zieht auch die schmutzige Wäsche die
Blutsauger an. Das erklärt die rasante Ausbreitung der Parasiten.
STEPHAN INDERBIZIN
W
illiam Hentley von der Universität Shefeld
(Grossbritannien) erklärt: «Dieses Verhalten er-
möglicht den Bettwanzen, in den Wäschebeuteln
von Reisenden um die Welt zu trampen». Bett-
wanzen nden normalerweise den Geruch im
Bett schlummernder Menschen verlockend.
Die kleinen, papierdünnen Blutsauger breiten sich zunehmend
weltweit aus. «Dies kann zumindest teilweise mit der Zunahme von
billigeren internationalen Reisemöglichkeiten erklärt werden», so
Hentley.
Normalerweise leben die nachtaktiven Parasiten in immer wie-
der genutzten Verstecken. Dass die Tiere dennoch in Koffer gelan-
gen, konnten Forscher bisher nicht erklären.
Nun steht fest: Die Tiere werden vom Geruch dreckiger Wä-
sche angelockt, wie das Team um Hentley im Fachjournal «Scien-
tic Reports» schreibt. Um zu verhindern, dass sie die Plagegeister
verschleppen, sollten Reisende daher Dreckwäsche nicht auf dem
Boden liegen lassen.
Bettwanzen sind Blutsauger, die von Wärme, CO
2
und Körper-
geruch angezogen werden. Sie benötigen ihren Wirt, den Menschen,
um sich zu ernähren. Krankheiten übertragen die Tierchen nicht, aber
durch das Kratzen der Stichstellen können sich diese entzünden.
Finde die Drecksche
In einem Experiment legten die Wissenschaftler vier Beutel in je-
weils zwei identische Räume in denen sie Bettwanzen frei herum-
laufen liessen. In zwei der Beutel befand sich saubere Kleidung, in
den anderen zwei Dreckwäsche.
Die Forscher konnten die Temperatur und die CO
2
-Konzentra-
tion in den Zimmern regulieren. Eines der Zimmer wurde mit ge-
nug CO
2
angereichert, um die Anwesenheit eines atmenden Men-
schen nachzuahmen. Das andere Zimmer blieb «unbewohnt», also
frei von erhöhten CO
2
-Werten.
Bei niedrigen CO
2
-Werten – also der simulierten Abwesenheit
eines Menschen krochen die Tierchen doppelt so häug auf die
Beutel mit der Dreckwäsche als auf die Beutel mit sauberer Wä-
sche. Bei höheren CO
2
-Werten – also der simulierten Anwesenheit
eines Menschen - verstärkten sie die Suche nach einem Blut-Snack
sogar noch.
Exponentielle Vermehrung
Bettwanzen können sich rasend schnell ausbreiten. Ein einzi-
ges Weibchen kann innerhalb von zehn Wochen für eine regelrech-
te Wanzen-Epidemie sorgen. Es legt je nach Alter eins bis zwölf
Eier pro Tag, so wächst die Population exponentiell.
Im Falle eines Befalls benötigt man meist einen professionel-
len Schädlingsbekämpfer, um die Wanzen zu entfernen. Die Zim-
mer werden dafür mit Insektenschutzmitteln besprüht, befallene
Gegenstände umgehend entfernt, Matratzen gewechselt und Möbel
auseinandergebaut.
Wer keine Insektizide nutzen will, um die Wanzen zu töten,
sollte sich entweder den Gefrierschrank oder die Sonne zu Nutzen
machen. Die Tiere vertragen keine extrem niedrigen (- 18° C) oder
hohen (50 60° C) Temperaturen. Da sich die Parasiten rasant aus-
breiten – vor allem auch in Grossstädten – hat beispielsweise die
Stadt Zürich eine eigene Webseite mit Tipps und Infos zusammen-
gestellt: www.stadt-zuerich.ch und in der Suchleiste das Stichwort
«Bettwanze» eingeben.
Bettwanzenbisse können am ganzen Körper gefunden werden.
RATGEBER BETTWANZEN NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 9
Therapie von Senkung
und Vorfall
Wenn Blase, Gebärmutter oder Darm nicht mehr dort sind, wo sie eigentlich hin-
gehören – ein Tabuthema, obwohl bis zu 10 % der Frauen davon betroffen sind.
VOLKER VIERECK, MARLIES VON SIEBENTHAL UND MARIANNE GAMPER
S
enkungsbeschwerden können die Lebensqualität stark
einschränken. Aber das Problem kann gelöst werden.
Eine frühzeitige, professionelle Abklärung und die indi-
viduelle Behandlung sind sehr wichtig. Etwa jede zehn-
te Frau kann eine Senkung bekommen. Senken können
sich Blase, Darm oder Gebärmutter oder auch alles zusammen
(Abb. 1a). Eine Senkung wird zu einem «Vorfall», wenn sich diese
Organe aus der Vagina herauswölben. Die typischen Senkungsbe-
schwerden sind Ziehen im Unterbauch, Rückenschmerzen, Reiz-
blasenbeschwerden, wiederkehrende Blasenentzündungen, Blasen-
oder Darmentleerungsstörungen oder das Gegenteil: Harn- und
Stuhlinkontinenz.
Wieso kommt es zu einer Senkung?
Hauptrisikofaktor einer Senkung ist das Alter. Nach den Wechsel-
jahren kommt es durch den Hormonabfall zu einem Abbau der Be-
10 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 FOKUS SENKUNGEN
ckenbodenmuskulatur und des Bindegewebes. Die Haltebänder der
Beckenorgane verlieren an Elastizität, überdehnen sich und es
kommt zur Organsenkung. Aber auch Schwangerschaft und Geburt,
chronischer Husten und vermehrtes, starkes Pressen bei häuger
Verstopfung können die Beckenbodenmuskulatur so beanspruchen
und schwächen, dass die Organe nicht mehr in der ursprünglichen
Position gehalten werden können.
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Wie kann eine Senkung behandelt werden?
Zuerst werden nicht-operative Möglichkeiten angewendet. Dazu
gehört ein gezieltes Beckenbodentraining mit Unterstützung von
Vaginalpessaren und der lokalen Anwendung von Hormoncreme.
Diese Behandlung ist äusserst erfolgreich. Bei fast der Hälfte der
Patientinnen kann so auf eine Operation verzichtet werden.
Abb.1
a)
c)
b)
d)
Abb. 1a: Vorfall: Senkung der vorderen Scheidenwand mit
Blase (Zystozele) und der hinteren Scheidenwand mit Darm
(Rektozele), dazwischen Senkung der Gebärmutter.
Abb.1
a)
c)
b)
d)
Abb. 1b: Senkungsoperation kombiniert mit Gebärmutterentfer-
nung: Das Scheidenende ist an einem Band im kleinen Becken
fixiert, die Blase und der Darm sind durch eine vordere bzw. eine
hintere Geweberaffung in ihre ursprüngliche Lage zurückverlegt.
Abb. 1c: Operation eines Blasenvorfalles mittels Netzeinlage
zur Gewebeverstärkung bei sehr dünnem Gewebe.
Abb. 1d: Sakrokolpopexie, der heutige Goldstandard der Des-
zensuschirurgie. Mit einem Polypropylennetz wird der Aufhän-
geapparat wiederhergestellt. Die Scheidenvorder- und hinter-
wand werden mit dem Netz am Ligamentum longitudinale
anterius auf der Höhe des Promontoriums fixiert (Bild). Diese
Operation kann auch uteruserhaltend durchgeführt werden
(Hysteropexie).
Wenn aber diese Massnahmen zu keinem befriedigenden Erfolg
führen, ist eine Senkungsoperation indiziert. Abhängig vom Be-
fund und der Gewebestruktur wird eine individuell angepasste
Operationstechnik gewählt. Dabei werden die gesenkten Organe –
vordere Scheidenwand mit Blase, Gebärmutter, hintere Scheiden-
wand mit darunterliegendem Darm – wieder in ihre ursprüngliche
Lage zurückversetzt (Abb. 1b, 1c, 1d).
Abb.1
a)
c)
b)
d)
Abb.1
a)
c)
b)
d)
ÜBER DIE AUTOREN
Prof. Dr. med. Volker Viereck ist Co-Chefarzt der Frauen-
klinik und Chefarzt Urogykologie am Blasen- und Becken-
bodenzentrum des Kantonsspitals Frauenfeld.
Marlies von Siebenthal ist Fachfrau für Blasen- und Intim-
beschwerden am Blasen- und Beckenbodenzentrum des
Kantonsspitals Frauenfeld.
Dr. sc. nat. Marianne Gamper ist wissenschaftliche Mitarbei-
terin an der Frauenklinik des Kantonsspitals Frauenfeld.
Senkungsoperationen können durch die Scheide (vaginal) oder
durch die Bauchdecke (laparoskopisch) durchgeführt werden. Die
Operation ist anspruchsvoll und erfolgt bei gut aufgebautem Eigen-
gewebe häug als Geweberaffung oder -xation an stabile körper-
eigene Bänder im kleinen Becken (Abb. 1b). Ist das Eigengewebe
aber sehr schwach, kann zur Unterstützung der gesenkten Organe
ein Netz eingelegt werden (Abb. 1c). Nötig ist dies zum Beispiel
bei einer erneuten Senkung (Rezidiv) nach einer vorangegangenen
Senkungsoperation mittels Geweberaffung.
Die Langzeiterfolge der vaginalen Operationen sind sehr gut.
Die Indikationsstellung zur Netzeinlage, die Auswahl eines leich-
ten und teilresorbierbaren Netzes, dessen Anpassung während der
Operation und auch die Vor- und Nachbehandlung entscheiden über
Erfolg, Misserfolg und Komplikationen.
Heute werden die Deszensusoperationen mehr und mehr auch
mittels Bauchspiegelung durchgeführt. Es gibt zwei Techniken, die
konventionell laparoskopische oder die Roboter-assistierte Vorge-
hensweise (Abb. 1d). Die Operation mit dem Da Vinci-Roboter ist
besonders für sexuell aktive Frauen mit einem höheren Operations-
risiko, zum Beispiel nach einem Rezidiv, zu empfehlen. Die Robo-
ter-assistierte Technik liefert dem Operateur ein dreidimensionales
Bild und ein bis zehnfach vergrössertes Operationsfeld. Dadurch
kann präzise, gefäss- und nervenschonend gearbeitet werden. Dank
der Roboterarme ist der Zugang auch bis in tiefe Schichten pro-
blemlos möglich. Weitere Vorteile sind: kleinere Wundächen, ge-
ringerer Blutverlust und somit auch ein geringeres Infektionsrisiko
und eine schnellere Mobilisation. Zusätzlich wird der Schmerzmit-
telbedarf gesenkt und der Spitalaufenthalt, die Erholungszeit und
die Arbeitsunfähigkeit verkürzt. Intraoperative Komplikationen
sind selten und die Ergebnisse sehr gut. Der einzige Nachteil sind
die zur Zeit noch höheren Kosten. Aber mit der Entwicklung von
neuen und günstigeren Robotern wird voraussichtlich auch dieses
Problem behoben werden können.
12 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 FOKUS SENKUNGEN
Futur 2
KOLUMNE
DR. CHRISTOPH HELD
Dr. Christoph Held, arbeitet als Heim arzt und Gerontopsychi-
ater beim Geriatrischen Dienst der Stadt Zürich sowie im
Alterszentrum Doldertal. Lehrbeauftragter der Universität
Zürich sowie Dozent an den Fachhochschulen Bern, Careum
Aarau und ZAH Winter thur sowie an der Universität Basel.
Bücher «Das demenzgerechte Heim» (Karger, 2003), «Wird
heute ein guter Tag sein? Erhlungen» (Zytglogge, 2010),
«Accueillir la demence» (Médecine et Hygiène, 2010), «Was
ist gute Demenzpflege?» (Huber, 2013). Eben erschienen:
«Bewohner». Erzählungen Dörlemannverlag
Dr. Christoph Held wird künftig an dieser Stelle regelmässig
über seine Erfahrungen im Umgang mit Demenz berichten.
Kontakt
christoph.held@bluewin.ch
V
or den Augen der deutschen Öffentlichkeit hat sich vor
Kurzem ein Drama von fast Shakespearschem Aus-
mass abgespielt. Gerhard Schröder, ehemaliger deut-
scher Bundeskanzler, hat gegen alle Regeln verstossen
und einen hohen Posten bei einer russischen Erdölgrup-
pe übernommen. Ein Mann mit tiefen Gesichtsfurchen – untrügli-
chen Zeichen des Seniums –, ein Mann, den man sich auf der Büh-
ne gut als König Lear vorstellen könnte, wehrt sich mit trotziger
Rhetorik gegenüber Bedenken und Vorwürfen.
Jenseits der politischen Reaktionen lohnt es aber sich zu fra-
gen, was uns da aus Sicht des «Alterns» entgegentritt. Die Psychia-
trie, seit jeher nie verlegen um moralische Klassikationen, spricht
bei Menschen im höheren Lebensalter gerne noch von Eigenschaf-
ten wie «Eigensinn», «Starrsinn» oder gar von «Persönlichkeitsstö-
rungen», deren narzisstische Züge sich im Alter noch verstärken
sollen. Die Philosophie ihrerseits hat seit der Antike immer wieder
das Altersbild des «gereiften» alten Menschen idealisiert, der auf
sein befriedigendes Leben zurückblickt, seine Weisheit und Erfah-
rung an eine nächste Generation weitergibt und sich mit Gelassen-
heit an körperliche Hilfsbedürftigkeit anpassen kann, ein Bild, das
heute zu verblassen scheint.
Die Altersforschung zeigt nämlich, dass die konstitutiven Ei-
genschaften eines Menschen im Alter stabil bleiben. Man kann also
von Pensionären nicht einfach erwarten, dass sie sich ändern, nur
weil sie Pensionäre sind. Heute ärgert sich die Gesellschaft, die ja
selbst alt geworden ist, auch nicht mehr, wenn Menschen Dinge
tun, die «dem Alter» nicht entsprechen. Im Gegenteil, sie forciert
durch allgegenwärtige Ratgeberliteratur die Gesundheitserhaltung
und geniesst eine geriatrische Hightechmedizin.
Die Frage, warum sich alte Menschen ein Leben mit nicht en-
den wollender Verantwortung über Geld und Mitarbeiter, mit Rei-
sen und Anfeindungen «antun», kann nicht nur aus ihrer Persön-
lichkeit erklärt werden. Das Selbst eines Menschen ernährt sich
eben nicht nur aus der Vergangenheit, sondern ebenso sehr aus der
Zukunft und das Bedürfnis für diese Nahrung scheint sich bei alten
Menschen heutzutage zu vergrössern.
Der deutsche Psychiater Wolfgang Blankenburg hat indessen
auf die heilsame Wirkung der sogenannten Futur 2-Perspektive hin-
gewiesen. Sie bedeutet eine gedanklich vorweggenommene Zu-
kunft, also «Ich werde in fünf Jahren das und das erlebt oder ge-
macht haben. Ich werde der oder die gewesen sein». Heilsam ist vor
allem das Zurückspringen in die Gegenwart mit den allumfassen-
den Fragen «Wird sich das gelohnt haben?» «Wird das wichtig ge-
wesen sein?». Das sind Fragen, die sich jeder Mensch selber stellen
muss. «Wenn Du mein Narr wärst, Gevatter, so bekämst du Schlä-
ge, weil Du vor der Zeit alt geworden bist», sagt der Narr zu König
Lear. «Du hättest nicht alt werden sollen, eh du klug geworden
wärst.»
KOLUMNE DR. CHRISTOPH HELD NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 13
Mitarbeitermotivation:
Einfach gesagt, holprig
umgesetzt
«Wir müssen unsere Mitarbeiter motivieren» ist im Pflegealltag einer der meist ausge-
sprochenen Sätze seitens der Personalabteilung. Nur: Was ist «Motivation» überhaupt?
PETER EMPL
D
amit ein Betrieb funktioniert –
egal in welcher Branche –
braucht es zufriedene Mitarbei-
ter. Was aber bedeutet «zufrie-
den» überhaupt? Der angesehe-
ne US-Amerikaner Frederick Herzberg,
Professor der Arbeitswissenschaft und der
klinischen Psychologie, unterscheidet zwei
Faktoren im betrieblichen Verhalten des ar-
beitenden Menschen: Motivatoren und Vor-
sorge. Herzberg und andere Forscher be-
fragten in den 50er- und 60er-Jahren 1.685
Arbeiter
/ innen und Angestellte danach,
wann sie entweder besonders unzufrieden
oder besonders zufrieden mit und bei der Ar-
beit waren (US-amerikanische Vorarbeiter,
Agrarökonomen, Manager kurz vor der Pen-
sionierung, Krankenhausverwaltungsperso-
nal, Werkmeister, Krankenschwestern, Le-
bensmittelhändler, Polizisten, Ingenieure,
Wissenschaftler, weibliche Programmierer,
Haushälterinnen, Buchhalter, nnische Vor-
arbeiter, ungarische Techniker u.a.).
Er fand heraus, dass eine Beseitigung
(er nannte das «Hygiene») der Bedingun-
gen, die zu Unzufriedenheit führen, noch
nicht bedeutet, dass die Arbeitnehmer
/ in-
nen zufrieden und motiviert sind.
Zwei Faktoren
Für Motivation bedarf es nämlich zweier-
lei: Zunächst sollten demotivierende Fak-
toren (Unzufriedenmacher) beseitigt wer-
den; danach kommt es darauf an, geeignete
Motivatoren zu nden, die Interesse und
Lust an der Arbeit fördern. Wenn es so ein-
fach wäre, dann würden alle Mitarbeiter
relativ schnell motiviert sein. Was also ist
das Geheimnis von zufriedenen (und moti-
vierten) Mitarbeitern?
Untersuchungen in den Folgejahren
zeigten, dass das Konzept Herzbergs zu
starr war, denn Umstände, die zur Arbeit
14 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 PRAXIS MITARBEITERMOTIVATION
ANZEIGE
motivierten, taten dies nach einer Weile
weniger oder gar nicht mehr, wenn sie zur
Selbstverständlichkeit wurden. Erst ein er-
neuter Mangel machte deren Bedeutung
wieder bewusst und konnte bei Mangelaus-
gleich wieder motivierend wirken. Wikipe-
dia fasst es einfacher zusammen: «Die
Zwei-Faktoren-Theorie (auch Motivati-
on-Hygiene-Theorie) von Frederick Herz-
berg (1959) ist eine Inhaltstheorie zur Mo-
tivation, speziell der Arbeitsmotivation.
Zusammen mit der Bedürfnispyramide von
Maslow gehört sie zu den bekanntesten
Vertretern der Inhaltstheorien der Motivati-
on, deren gemeinsames Merkmal darin be-
steht, dass sie eine Klassikation der
Motiv ziele anbieten.» Wie der Name also
sagt, unterscheidet Herzberg genau zwei
Arten von Einussgrössen. Zum einen Fak-
toren, die auf den Inhalt der Arbeit bezogen
sind (Motivatoren) und zum anderen Fak-
toren, die auf den Kontext der Arbeit bezo-
gen sind (Hygienefaktoren). Zu den In-
haltsfaktoren gehören z. B. Verantwortung
zu tragen oder Anerkennung zu erwerben;
die Kontextfaktoren können die Bezahlung
und äussere Arbeitsbedingungen sein.
Sieht man Mitarbeitermotivation in
diesem Zusammenhang, so geht es hier im
Prinzip um die Frage: Warum arbeitet der
Arbeiter? Während die Motivationspsy-
chologen im «Warum» herumstochern, fra-
gen die Manager händeringend nach dem
«Wie». Wie erreicht man die maximale Ar-
beitsleistung seiner Mitarbeiter? Daher
stellt sich die Frage, inwiefern oben zitier-
ter Wissenschaftler Frederick Herzberg mit
seinen Modellen praxistauglich ist.
Reinhard K. Sprenger, einer der bekanntes-
ten Autoren von Motivationsliteratur de-
niert Motivation so: «Unter Motivation
wird das Erzeugen, Erhalten und Steigern
der Verhaltensbereitschaft durch den Vor-
gesetzten verstanden.» Es geht bei der Mit-
arbeitermotivation darum, das «Warum»
mit dem «Wie» in optimaler Weise zuein-
ander zu bringen. Das Interesse des Mana-
gers ist also nicht zu ergründen, warum et-
was passiert, sondern wie Verhalten
beeinussbar ist.
Motivation durch Elimination
der Unzufriedenheit
Die Autorin Birgitta Einhaus geht in ihrem
Aufsatz «Aktueller Beitrag zum Thema
Personalentwicklung in Hinblick auf die
Motivation von Pegekräften» detailliert
auf die Problematik der Mitarbeitermotiva
-
tion im Pegealltag ein: «Bei der Motivati-
on von Mitarbeitern geht es doch vielmehr
darum, Demotivationsfaktoren herauszu
-
nden und über Gründe nachzudenken,
warum Mitarbeiter innerlich gekündigt ha-
ben oder leistungsschwach sind.» Womit
«Unter Motivation wird das Erzeugen, Erhalten und
Steigern der Verhaltensbereitschaft durch den
Vorgesetzten verstanden.»
wir indirekt wieder bei den bereits erwähn-
ten Hygienefaktoren von Frederick Herz-
berg wären. Birgitta Einhaus schreibt in
ihrer Arbeit weiter: «Zu einer konstrukti-
ven Personalentwicklung führt weder das
Antreiben noch das Ausnutzen eines Mitar-
beiters, sondern vielmehr das Ermächtigen
zur kreativen Lösung von sachgerechten
Aufgaben. Ein Prozess gegenseitiger Ent-
wicklung von Geführtem und Führenden.»
Damit fordert Führung die Geführten
in ihrer ganzen Persönlichkeit – zunächst in
und für ihren Aufgabenbereich, wie zum
Beispiel in der Stellenbeschreibung festge-
legt. Sie aktiviert nicht bloss, sie entwickelt
Menschen. Sie realisiert Personalentwick-
lung, und das ist Persönlichkeitsentwick-
lung in eigentlichem Sinne. Sie schafft
Rahmenbedingungen, die verborgene Fä-
higkeiten entdecken (können). Sie ermög-
licht die Freude der Bewährung. Sie setzt
Talente und subjektive Ressourcen frei, die
jeder Mitarbeiter in das Unternehmen mit-
bringt und die so selten gefordert werden.
Wird Personalentwicklung im Betrieb
wirklich durchgeführt, so entwickelt sich
auf Dauer eine kompetente Mitarbeiter-
schaft. Bleibt die Personalentwicklung im
«Dornröschenschlaf», das heisst, wird der
Mitarbeiter nicht wirklich gefordert, so
werden die Mitarbeiter mehr oder weniger
aus Langweile ihre Energien ins Intrigie-
ren, Sabotieren oder (das ist am häugsten
der Fall) ins Lamentieren investieren. Ein-
haus schreibt dazu: «Die Mitarbeiter wis-
sen in der Regel, dass sich an der Situation
nichts ändert – aber es ist wenigstens nicht
mehr so langweilig.»
Nur ein Rädchen im Getriebe
Heute stösst die immer weitere Zergliede-
rung der Arbeit auf die damit verbundene
Einseitigkeit menschlicher Potentialentfal-
tung an psychische und mittelbar damit an
ökonomische Grenzen. Die Unterforde-
rung hinsichtlich der Fähigkeiten und Fer-
tigkeiten ist weder für das Individuum noch
für das Gesamtunternehmen befriedigend.
Das Selbstwertgefühl des Einzelnen ist das
eines «Rädchens im Getriebe», wenn der
einzelne Beitrag zum Gesamtprodukt kaum
mehr individuell zurechenbar ist. Von die-
ser Sichtweise aus gesehen ist der Patient
(als Gesamtprodukt) von einer Vielzahl
von Spezialisten umgeben und von jedem
bestens versorgt. Allerdings leben diese
Spezialisten in völlig verschiedenen Kon-
texten. Beispielsweise verfolgt die Ge-
schäftsleitung eines Pegezentrums meist
andere Ziele als die Pegekräfte. Generell
lässt sich beobachten (wenn auch nicht em-
pirisch belegen), dass die Fähigkeit, wohl-
wollend und verstehend miteinander zu re-
den, immer mehr schwindet. Das wirkt sich
letztendlich auch auf die Mitarbeitermoti-
vation aus. Mehr noch: Neigung und Kon-
sens sind kaum spürbar. Birgitta Einhaus
dazu: «Die Reibungsverluste sind eklatant.
Die Kommunikationsverluste mauerbau-
end. Vor diesem Hintergrund wächst der
Personalentwicklung eine bisher zu wenig
beachtete Aufgabe zu.»
Die (Arbeits)Kultur in Pegezentren,
Heimen aber auch in Spitälern und Kliniken
ist eine mithin weitgehend unsichtbare
Steuerungsgrösse. Man lebt in ihr, aber man
reektiert sie kaum. Deshalb können die im
Gesundheitsbereich Tätigen ihre eigene
«Arbeitskultur» in der Regel auch gar nicht
genau benennen. Dabei ist diese Funktion
der Arbeitskultur als situationsabhängige
Strategie der Verhaltensbeeinussung zu
verstehen. Letztendlich liegt die Antwort
auf die Frage: «Wie motiviere ich Mitarbei-
ter oder mich selbst» gemäss Wikipedia in
der Denition von «Motivation» selbst:
«Motivation bezeichnet die Gesamtheit al-
ler Motive (Beweggründe), die zur Hand-
lungsbereitschaft führen, das heisst, das auf
emotionaler und neuronaler Aktivität beru-
hende Streben des Menschen nach Zielen
oder wünschenswerten Zielobjekten.»
Quellen:
www.motivatoren.de
Reinhard K. Sprenger, Mythos Motivation, Frankfurt /
NewYork, Campus Verlag, 1992.
Brigitta Einhaus, Mitarbeitermotivation, München,
GRIN Verlag, 2002.
Gerne wird versucht, die Mitarbeiter mit markigen Sprüchen zu motivieren. Es braucht
dazu aber viel mehr als einen frommen Wunsch und plakative Schlagsätze.
16 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 PRAXIS MITARBEITERMOTIVATION
WHO will Cholera
weitgehend ausrotten
Die Welt sagt einer vermeidbaren Armutskrankheit den Kampf an: der Cholera.
Die WHO mobilisiert daher sämtliche Kräfte.
CHRISTIANE OELRICH
D
ie lebensbedrohliche Durchfall-
erkrankung Cholera soll bis
2030 weitgehend ausgerottet
werden. Dafür hat die Weltge-
sundheitsorganisation (WHO)
in Genf mit rund 50 Partnern und betroffe-
nen Ländern einen Aktionsplan aufgestellt.
Jeder Mensch der Welt soll eine Möglich-
keit zum Waschen mit Seife in der Nähe
und Zugang zu einer Toilette oder Latrine
haben. Überall soll sauberes Trinkwasser
zur Verfügung stehen. Bei Cholera-Aus-
brüchen sollen die Menschen den neuen
Impfstoff schneller bekommen als bislang.
Nach Angaben der WHO erkranken
jedes Jahr 2,9 Millionen Menschen an Cho-
lera, 95 000 kommen ums Leben. Bis 2030
soll in 20 der mehr als 60 betroffenen Län-
der die Krankheit ausgerottet sein. Die
Zahl der Fälle soll bis dahin weltweit um
90 Prozent sinken. Was der Aktionsplan
kostet und wer die Massnahmen bezahlt, ist
noch unklar. Wasser und Abwasser koste
rund 40 Franken pro Person, eine Impfdo-
sis sechs Franken. Investitionen in diesem
Bereich hätten aber weitreichenden Nutzen
über die Eliminierung von Cholera hinaus,
sagt Tim Wainwright, Direktor der Hilfsor-
ganisation WaterAid, die sich um Trink-
und Abwasser kümmert.
Eine Armutskrankheit?
Betroffen sind vor allem Zentralafrika und
Indien, aber auch Länder in Zentralamerika
und Asien. «In Afrika leben 40 bis 80 Mil-
lionen Menschen in gefährdeten Gebie-
ten», so Peter Salama, WHO-Direktor für
Katastropheneinsätze. Zur Zeit ist vor al-
lem das Bürgerkriegsland Jemen von Cho-
lera betroffen. Dort sind nach Schätzungen
750 000 Menschen erkrankt.
Cholera sei eine Armutskrankheit, so
Julie Hall von der Föderation der Rotkreuz-
und Rothalbmondgesellschaften (IFRC).
Betroffen seien vor allem Menschen in
Slums und Regionen ohne Infrastruktur so-
wie in Koniktsituationen. «Cholera ist ver-
meidbar. Es ist eine Schande, dass es diese
Krankheit heute überhaupt noch gibt», erei-
fert sich Hall. Mit der abgeschlossenen Ent-
wicklung des Impfstoffs würden die Karten
aber neu gemischt und die Chance, die Cho-
lera auszurotten, sei deutlich gestiegen.
2013 seien erst zwei Millionen Impf-
dosen auf Lager gewesen, im nächsten Jahr
seien es schon 25 Millionen, so die WHO.
Ende nächsten Jahres könnten es 75 Millio-
nen Dosen sein, sagt der Vorsitzende der
Globalen Allianz für Impfstoffe und Immu-
nisierung (Gavi), Seth Berkley. Gavi unter-
stützt die Produktion.
Cholera-Bakterien werden durch ver-
unreinigtes Trinkwasser und durch Verzehr
von Lebensmitteln übertragen. Eine Über-
tragung von Mensch zu Mensch ist zwar
möglich, jedoch äusserst selten. Das Bakte-
rium gelangt in den Dünndarm und produ-
ziert dort einen Giftstoff, der die Darm-
schleimhaut angreift. Bei Cholera kommt
es zu plötzlich auftretenden Durchfällen
innerhalb von Stunden bis zu fünf Tagen,
die aufgrund des extremen Wasserverlustes
tödlich sein können.
Quelle:Mit Material der dpa.
Cholera tritt häufig in armen Ländern auf, in denen Trinkwasser- und Abwasser-
systeme nicht voneinander getrennt sind.
EPIDEMIE CHOLERA NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 17
Die «Innere Uhr»
wurde entschlüsselt
Die diesjährigen Nobelpreisträger wurden ausgezeichnet, weil sie den fundamentalen
Mechanismus des körpereigenen 24-Stunden-Tagesrhythmus entschlüsselt haben.
ANGELIKA JACOBS
18 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 MEDIZIN NOBELPREIS
I
n unserem Körper tickt ein biologisches
Uhrwerk: Dank sogenannter «zirkadia-
ner Rhythmen» wissen unsere Zellen
und Organe, wann sie mit Ruhe- oder
Aktivitätsphasen oder auch mit Nah-
rungszufuhr rechnen können. Das hilft ih-
nen, sehr ökonomisch zu haushalten. Für die
Entdeckung der molekularen Mechanismen
hinter dieser «Inneren Uhr» erhalten die
US-Forscher Hall, Rosbash und Young den
diesjährigen Nobelpreis für Physiologie
oder Medizin.
Erstes «Uhr-Gen» entdeckt
1984 gelang es den drei Forschern, das ers-
te «Uhr-Gen» in der Tauiege Drosophila
melanogaster ausndig zu machen. «Das
war der erste Beweis dafür, dass ein mole-
kularer Mechanismus hinter der Inneren
Uhr steckt», sagt Charna Dibner von der
Universität Genf im Gespräch mit der
Nachrichtenagentur sda.
Das Produkt dieses «period» genann-
ten Gens, das Protein PER, sammelt sich
während der Nacht in Zellen an und wird
tagsüber wieder abgebaut. Seine Menge
schwankt also im 24-Stunden-Rhythmus,
wie Rosbash und Hall von der Brandeis
University in Waltham, Massachusetts,
herausfanden.
Von Bakterie bis Mensch
«Es handelt sich um einen extrem konservier-
ten Mechanismus, der von der Bakterie bis
zum Menschen in allen Organismen sehr ähn
-
lich abläuft», so Dibner gegenüber der sda.
Fundamentale Arbeiten zur Inneren
Uhr fanden auch Ende der 1990er-Jahre an
der Universität Genf unter der Leitung von
Ueli Schibler statt: Er und sein Team konn-
ten an menschlichen und Nagetier-Zellen
beweisen, dass jede einzelne Zelle eine au-
tonome Innere Uhr besitzt und die Physio-
logie von Organismen damit im Tagesrhyth-
mus extrem fein reguliert ist.
Entdeckt wurde die Innere Uhr bereits
im 18. Jahrhundert durch den Astronom
Jean Jacques d‘Ortous de Mairan: Er stu-
dierte Mimosen, die im Tagesverlauf ihre
Blätter in Richtung Sonne öffneten und bei
Abenddämmerung wieder schlossen. Indem
er die Panzen ins Dunkle stellte, konnte er
beobachten, dass sich dieser Rhythmus auch
ohne Licht als äusseren Taktgeber fortsetzte,
also in den Organismus eingebaut sein
musste.
Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young (von links) erhielten den Nobelpreis 2017, weil sie in der Lage waren,
einen «Blick ins Innere» unserer biologischen Uhr zu werfen.
«Die Innere Uhr beein-
flusst Schlaf und Jetlag»
Der Medizin-Nobelpreis ehrt die Erforschung unserer Inneren Uhr. Diese neuen
Erkenntnisse könnten uns helfen, besser zu schlafen und Krankheiten zu verhindern.
THERESA MÜNCH
W
er mit dem Flugzeug weit
gereist ist, kennt das Prob-
lem: Jetlag. Die Erfor-
schung der Inneren Uhr,
für die die US-Amerikaner
Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael
Young den Medizin-Nobelpreis bekommen
haben, kann helfen, dieses und andere Phä-
nomene zu verstehen und unseren Körper
besser vorzubereiten, sagt Nobeljurorin Ju-
leen Zierath.
Wie trägt es zur Gesundheit bei, die
Innere Uhr zu verstehen?
Zu realisieren, dass wir eine Innere Uhr ha-
ben, hilft uns, viele der 24-Stunden-Verän-
derungen in unserem Körper zu verstehen.
Es kann uns helfen, besser auf unsere Um-
gebung zu achten. Schweden mit seinen
sehr langen Sommertagen und sehr kurzen
Wintertagen ist ein Beispiel. Zu verstehen,
warum es wichtig ist, auf unseren Schlaf zu
achten, kann unser Wohlbenden beein-
ussen.
Erklärt die Forschung auch, warum
ein Jetlag haben?
Wenn man durch unterschiedliche Zeitzo-
nen reist, fühlt man sich nicht recht wohl.
Die Forschung hilft uns, zu verstehen, dass
die Innere Uhr ein paar Tage braucht, um
zu ihrer Umwelt aufzuholen. Es ist eigent-
lich kein Preis für Medizin, die Forschung
hilft uns vielmehr, einige der Geheimnisse
unserer Physiologie zu entschlüsseln. Die
Innere Uhr lässt zu, dass wir uns mit dem
Tageslicht-Kreislauf und der Erdrotation
synchronisieren.
INTERVIEW INNERE UHR NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 19
Könnte das Verständnis helfen,
Medikamente gegen Jetlag zu
entwickeln?
Einige Unternehmen versuchen, Medika-
mente zu entwickeln, die den Mechanis-
mus der Uhr beeinussen, um sie zu ver-
langsamen oder schneller ticken zu lassen.
Es gibt Hinweise, dass Tiere Diabetes be-
kommen können, wenn der Mechanismus
nicht richtig funktioniert. Das lässt uns
glauben, dass man Fehlfunktionen des Me-
tabolismus und entzündliche Erkrankun-
gen verhindern könnte, wenn man irgend-
wie an der Uhr herumbastelt. Doch so weit
sind wir derzeit noch nicht.
Wie geht die Forschung jetzt weiter?
Forscher versuchen zu verstehen, wie die
Master-Uhr in unserem Gehirn mit den vie-
len kleinen Uhren in unseren Organen syn-
chronisiert ist. Wenn man von New York
nach Paris reist, passt sich die zentrale Uhr
im Gehirn innerhalb eines Tages an. Einige
der anderen Uhren aber können bis zu sechs
Tage brauchen. Und man will verstehen,
wie Mutationen an der Uhr beispielsweise
Schlafmuster beeinussen können.
Juleen Zierath ist Professorin und Physio-
logie-Spezialistin am Karolinska-
Institut, der medizinischen Universität in
Stockholm. Sie ist Mitglied des Nobel-
Komitees.
Der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin wird seit 1901 jährlich
vergeben und ist seit 2012 mit acht Millionen Schwedischen Kronen
(ca. 963 000Franken) dotiert. Die Auswahl der Laureaten unterliegt dem
Karolinska-Institut. Der Stifter des Preises, Alfred Nobel, verfügte in
seinem Testament vom 27. November 1895, in dem die Vergabe der
Auszeichnung geregelt wurde, der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin
solle demjenigen zuerkannt werden, «der die wichtigste Entdeckung in
der Domäne der Physiologie oder Medizin gemacht hat».
58 ist eine böse Zahl
Ein bekannter Dokumentarfilmer berichtet in seiner spannenden Autobiographie
über den Kampf gegen seine Zwangserkrankungen.
BIRGIT KAWOHL
20 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 BUCHTIPP ZWANGSERKRANKUNGEN
A
lles beginnt ganz harmlos mit
einer kindlichen Angewohn-
heit, die viele sicherlich von
sich selbst kennen: Man darf
bei Pastersteinen oder Fliesen
nicht auf die Fugen treten, sondern nur auf
die Platten und Innenräume. Was bei den
meisten Mitmenschen eine kindliche Her-
ausforderung ist, temporär wie viele andere
Kinderspiele, kann sich aber – im schlimms-
ten Fall – zu einer psychischen Störung ver-
ändern, die den Betroffenen dann oftmals
sein ganzes Leben lang im Griff hat.
Oliver Sechting, geboren 1975, berich-
tet in seiner Autobiograe von der Ent-
wicklung seiner Krankheit, die ganz harm-
los beginnt, ihm aber nach und nach immer
mehr die Luft zu atmen nimmt. Da er sei-
nen Bericht chronologisch geordnet hat,
die Kapitel beinhalten die einzelnen Le-
bensabschnitte (Kindheit, Jugend etc.),
wird diese Entwicklung für den Leser sehr
gut nachvollziehbar und wirkt gerade da-
durch umso verstörender.
So wird dem Leser zunächst eine überaus
glückliche Jugend dargeboten («Mein Le-
ben verlief wie ein Hanni-und-Nanni-Ro-
man für Jungs»); Oliver wächst in einer
mittelständischen Familie ohne Geschwis-
ter im niedersächsischen Göttingen auf.
Der Vater hat eine Bijouterie, die Mutter ist
– ganz klassisch – Hausfrau und Mutter
und widmet ihre Zeit dem Umdekorieren
des Hauses und der Nahrungszubereitung.
Als jedoch der Vater an Krebs erkrankt und
in relativ kurzer Zeit diesem Leiden erliegt,
BUCHTIPP ZWANGSERKRANKUNGEN NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 21
bekommt Olivers Leben – er besucht da-
mals die sechste Klasse – einen ersten
Knacks. Die für den Jungen unverstandene
Krankheit und der rasante körperliche Ver-
fall seines Vaters lassen ihn verstört zurück.
Hinzu kommt, dass er etwa zeitgleich be-
merkt, dass er im sexuellen Bereich offen-
bar anders ist als die meisten seiner Ge-
schlechtsgenossen, denn er fühlt sich
sichtlich von Jungs angezogen. Und das zu
einer Zeit wir be nden uns in den
80er-Jahren des letzten Jahrhunderts in
der in Deutschland Schwule weitgehend
auf Ablehnung stossen (§ 175 stellt homo-
sexuelle Handlungen immer noch unter
Strafe und AIDS grassiert ohne nennens-
werte Erkenntnisse über Ansteckung und
Verbreitung).
Das Leben nimmt eine Wende
Das Ende der Kindheit beschreibt er so:
«Angst, Unruhe und Verunsicherung tobten
in meinem Inneren, die ich nur durch
Zwangshandlungen einigermassen bändi-
gen konnte.» Zu dem Fugenspringen gesellt
sich das Ritual des «Klinkendrückens», mit
dem er Böses von sich fernhalten will. Als
dann auch noch Zahlen Bedeutungen an-
nehmen, geraten auch seine schulischen
Leistungen immer mehr in einen Negativ-
strudel. Dadurch, dass es schlechte Zahlen
(z.B. die 58) gibt und diese umgehend durch
gute Zahlen (z.B. die 7) neutralisiert werden
müssen, ist eine sinnvolle Teilnahme am
Mathematik- und naturwissenschaftlichem
Unterricht kaum mehr möglich. Dabei
bleibt es allerdings nicht, denn das Zwangs-
system, in dem sich Oliver Sechting mehr
und mehr be ndet, dehnt seinen Raum gna-
denlos und unaufhaltsam aus und nimmt
auch von seinem Sozialleben Besitz, da nun
nicht mehr nur Zahlen negativ besetzt sein
können, sondern auch Menschen. Diese Ka-
tegorisierung in Gut und Schlecht kann da-
bei ganz zufällig erfolgen und hat nichts mit
dem Charakter oder dem Verhalten der je-
weiligen Person zu tun.
Noch  ndet er Halt in einer Clique von
Jungs, die ihn akzeptieren und schützen,
doch keiner weiss von seinen zwei «De zi-
ten»: der Zwanghaftigkeit seiner Handlun-
gen und der Homosexualität. Er hat sich
auch inzwischen ein Netz aus Abwehrhand-
lungen gebastelt, mit dem er ganz schlimme
Abstürze – noch – verhindern kann. Dazu
zählt z.B. das Schlucken von kleinen Dia-
mantsteinen, die er in der Nachttischschub-
lade seiner Mutter gefunden hat. Nur durch
diesen Umstand besteht er überhaupt die
Matur, da er am Tag der Prüfung die letzten
verbliebenen sieben (!) Steine schluckt.
Auch das soziale Leben nimmt
Schaden
Nach der Matur absolviert er freudlos seinen
Zivildienst, dann eine KV-Lehre und be-
ginnt anschliessend ein Wirtschaftsstudium
in Berlin. Irgendwann gelingt es ihm, sich
zunächst gegenüber seinen Freunden und
dann auch gegenüber seiner Mutter zu ou-
ten. Das, was dem Leser wie eine Befreiung
scheint, hat aber auf seine Zwangshandlun-
gen keine positive Wirkung. Oliver Sechting
gerät immer weiter in den Kreislauf aus De-
pressionen und Zwängen, die ihn immer we-
niger am sozialen Leben teilhaben lassen,
wodurch wiederum seine Zwänge und De-
pressionen immer mehr an Raum gewinnen.
Es kommt zum Absturz und einem ersten
Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik,
Diagnose: paranoide Schizophrenie. Die
verordneten Antidepressiva helfen zunächst,
verlieren aber irgendwann ihre Wirkung.
Die Abwärtsspirale ist nicht gestoppt, son-
dern dreht sich weiter. Ein weiterer Klinik-
aufenthalt mit der «richtigen» Diagnose,
Zwangsstörung, folgt. Sechtings Leben ent-
wickelt sich nun auch privat in die richtige
Richtung, er lernt seinen Lebenspartner
Rosa von Praunheim kennen, doch bleiben
emotionale Kontakte weiterhin anstrengend.
Sechting gelingt mit Hilfe der Autorin
Karen-Susan Fessel die berührende Schil-
derung des Lebens mit einer Krankheit, die
immer noch viel zu sehr im Verborgenen
herrscht. Kaum jemand der Betroffenen
mag mit seinen Zwangshandlungen offen
umgehen, zu tief sitzt die Angst, als «ver-
rückt» abgestempelt zu werden. Da die Er-
krankung, anders als zum Beispiel Drogen-
oder Alkoholsucht, zunächst äusserlich
kaum sichtbar ist und die Erkrankten meist
eine ganze Weile «normal» funktionieren,
werden die vermeintlichen Ticks von Be-
kannten oftmals als schräge, aber liebens-
werte Angewohnheiten abgetan. Dass diese
Angewohnheiten aber ganze Leben im
Griff haben und sogar zerstören können, ist
gemeinhin viel zu wenig im Bewusstsein
der Gesellschaft und – wie man an Sech-
tings Schilderung sieht – in dem der Fach-
leute. Die erste Diagnose lautete auf para-
noide Schizophrenie, eine Erkrankung, die
sicherlich Überschneidungen mit der
Zwangsstörung aufweist.
Neu rezensieren wir in AltaVista Bücher aus den Bereichen Medizin und
Lebenshilfe. Welche sind besonders lesenswert? Welche sind spannend
geschrieben? Bringen einen weiter? Unsere Experten helfen bei der
Auswahl.
Oliver Sechting mit Karen-Susan
Fessel: Der Zahlendieb. Mein
Leben mit Zwangsstörungen.
ISBN: 9783867391252. SFr. 21.90
Oliver Sechting: Wie ich lernte, die
Zahlen zu lieben.
Dokumentarfilm aus dem Jahr 2014,
auf DVD erhältlich
Grosse Menschen haben höheres Thrombose-Risiko
Grosse Menschen haben ein höheres Risiko für eine Throm-
bose-Erkrankung. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen
nimmt mit der Körpergrösse die Gefahr zu, das eine Vene
durch ein wanderndes Blutgerinnsel verstopft, berichten
schwedische Forscher im Fachblatt «Circulation: Cardiovas-
cular Genetics». Bestätigten sich die Ergebnisse, sollte die
Körpergrösse künftig genau wie Übergewicht bei der Beur-
teilung des persönlichen Risikos berücksichtigt werden, sagt
Erstautor Bengt Zöller von der Universität Lund in Malmö.
Eine Thrombose entsteht, wenn sich in einem Gefäss –
meist in einer Vene – ein Blutklumpen bildet. Am häufigsten
passiert das in den Beinvenen. Gefährlich wird es besonders
dann, wenn sich der Blutpfropf – der Thrombus – löst und mit
dem Kreislauf durch die Gefässe transportiert wird. Er kann
dann an verschiedensten Orten im Körper ein Gefäss ganz
verschliessen. Experten sprechen dabei von einer Throm-
boembolie.
Ob auch die Körpergrösse das Risiko einer Thromboem-
bolie beeinflusst, untersuchten die Wissenschaftler um Zöl-
ler mit Daten von mehr als 2,5 Millionen schwedischen Män-
nern und Frauen.
Die Auswertung der Daten zeigte, dass das Risiko einer
venösen Thromboembolie mit der Körpergrösse zunimmt.
Die kleinsten Probanden hatten das geringste Risiko. Bei
Männern, die kleiner als 1,60 Meter waren, sank das Risiko
etwa um 65 Prozent im Vergleich zu Männern über 1,90 Me-
ter. Die Auswertung der Geschwisterdaten bestätigte das Er-
gebnis aus der Allgemeinbevölkerung: Grössere Geschwister
hatten ein höheres Thromboembolie-Risiko als ihre kleine-
ren Brüder oder Schwestern.
Helfen Jakobsmuscheln gegen Alzheimer?
Die Zellen unseres Körpers, auch die Nervenzellen, grenzen
sich mit einer Haut aus vorwiegend Fetten von der Aussen-
welt ab. Auch innerhalb der Zellen und in den Transportsys-
temen des Körpers spielen Fette eine wichtige Rolle. Ein
Grossteil der Fette im Gehirn gehört dabei zur Gruppe der
Phospholipide, und davon wiederum ein Teil zu den Plasma-
logenen. Diese bilden beispielsweise einen wesentlichen An-
teil der Isolationsschicht der Nervenzellen, der Myelin-
schicht. Die Funktion dieser speziellen Substanzen ist noch
nicht geklärt, sie scheinen jedoch unter anderem bei der In-
formationsübermittlung relevant zu sein. Interessanterweise
wurde mehrfach gezeigt, dass Alzheimerpatienten geringere
Mengen an Plasmalogenen im Blut und auch im Gehirn auf-
weisen als Gesunde. Dies wurde zum Anlass genommen,
Tiere mit alzheimerartigen Symptomen experimentell mit
Plasmalogen zu behandeln, mit vielversprechender Wirkung.
In einem Versuch erhielten 328 Patienten mit milder
Alzheimererkrankung und leichter Beeinträchtigung der
Denkleistung entweder täglich eine Art Gelee mit 1 mg aus
Jakobsmuscheln gewonnenem Plasmalogen oder ein in
Konsistenz und Geschmack vergleichbares Placebogelee. Ob
die Patienten den Wirkstoff oder Placebo erhielten, war zu-
fällig verteilt (randomisiert) und weder den Patienten noch
den behandelnden Ärzten bekannt (Doppelblindstudie).
Von den 328 Patienten blieben 276 Patienten bis zum
Ende der Studie dabei, davon 140 in der Wirkstoffgruppe und
136 in der Placebogruppe. Betrachteten die Forscher sowohl
die Symptome einer milden Alzheimererkrankung (MMST
zwischen 20 und 23 Punkten) als auch einer Vorstufe davon,
der leichten Denkleistungsbeeinträchtigung (MMST zwischen
24 und 27 Punkten), fanden sie keine klaren Unterschiede
zwischen Wirkstoff und Placebo, allerdings auch keine
schwerwiegenden Nebenwirkungen. Wenn sie lediglich die
Patienten betrachteten, die unter einer noch leichten Form
der Alzheimererkrankung litten, fanden sie deutliche Verbes-
serungen bei der Wirkstoffgruppe in dem Gedächtnistest im
Vergleich zur Messung zu Beginn der Studie.
Gesehen & gehört
22 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 NEWS GESEHEN & GEHÖRT
Glückliche Ehe = bessere Gesundheit!
Paartherapie könnte stärkere Auswirkungen auf die Gesund-
heit haben als bisher angenommen: Verheiratete Männer, de-
ren Ehen sich über die Jahre verbessern, haben laut einer
Studie später auch bessere Cholesterin- und Blutdruckwerte.
Das ergab eine britische Langzeituntersuchung, die im
«Journal of Epidemiology & Community Health» veröffent-
licht wurde. Wer in einer Partnerschaft von gleichbleibender
Qualität lebt, hat demnach hingegen keine grossen Effekte zu
erwarten.
Die Forscher hatten mehr als 600 britische Männer dar-
um gebeten, die Qualität ihrer Ehe an zwei verschiedenen
Erhebungszeitpunkten im Abstand von sechs Jahren zu be-
werten. Die Studienteilnehmer konnten ihre Partnerschaft
als «gleichbleibend gut», «gleichbleibend schlecht», «sich
verbessernd» oder «sich verschlechternd» einstufen.
Zusätzlich wurden der Blutdruck, der Ruhepuls, das Ge-
wicht, die Cholesterin- und die Blutzuckerwerte der Proban-
den erhoben. Alle genannten Aspekte stellen Risikofaktoren
für Herzerkrankungen dar. Zwölf Jahre später wurden die
Untersuchungen wiederholt.
Die Ergebnisse der Studie sind bemerkenswert: Männer,
die angegeben hatten, dass es in ihrer Ehe aufwärts gehe,
hatten später deutlich bessere Cholesterinwerte und brach-
ten ein gesünderes Körpergewicht auf die Waage. Im Gegen-
satz dazu wurden bei Ehemännern, die den Eindruck hatten,
dass sich ihre Ehe tendenziell verschlechtere, auch erhöhte
Gesundheitsrisiken gefunden.
Wenig Veränderung wurde bei Studienteilnehmern fest-
gestellt, die ihre Partnerschaft als «gleichbleibend gut» oder
«gleichbleibend schlecht» beschrieben. Die Studie sei den-
noch mit Vorsicht zu geniessen, erklärten die Forscher: Es
handle sich dabei lediglich um eine Beobachtungsstudie. Da-
her gebe es keine Garantie dafür, dass eine bessere Ehe auch
zu einem besseren Gesundheitszustand führe. Zudem führe
ein erhöhtes Gesundheitsrisiko auch nicht zwingend zu einer
späteren Erkrankung.
Vorherige Studien hatten bereits ergeben, dass verheira-
tete Männer im Schnitt seltener Herzinfarkte oder Schlagan-
fälle erleiden als Junggesellen.
Fettabsaugen gegen Migräne
Stammzellen sind die Zellen im Körper, die alles können. Je
nach ihrem Einsatzort können sie sich in jedes benötigte Ge-
webe einleben. Bekannt sind die embryonalen Stammzellen,
aber Stammzellen gibt es auch im erwachsenen Menschen,
eine derzeit stark erforschte Grundlage für die Entwicklung
personalisierter Medizin.
So können beispielsweise aus dem Fettgewebe, besser
gesagt aus dem dortigen Bindegewebe (Stroma), durch eine
Ultraschallbehandlung Stammzellen abgetrennt (fraktio-
niert) werden. Diese Stroma-vaskuläre Fraktion (kurz SVF)
beinhaltet eine Mischung verschiedener Vorläuferzellen, die
vielfältig einsetzbar sind. Da sie aus dem eigenen Körper
stammen (autolog), greift die Abwehr des Körpers sie nicht
an. So können solche Zellen bei der Behandlung von
Schmerz erkrankungen wie chronischer Migräne in bestimm-
te Muskeln injiziert werden, vergleichbar etwa mit Botox. Es
wird vermutet, dass dies einen Einfluss auf die Entzündun-
gen von Nervenzellen haben könnte, eines der Elemente der
Mi gräneerkrankung.
Mit einer klassischen Fettabsaugung wurde Fettgewebe
aus den Patienten gewonnen und die Stammzellmischung
anschliessend herausgelöst. Bei jedem Patienten wurde die
Zellprobe zuerst auf ihre Qualität und Anzahl der Zellen hin
untersucht. Zwischen 8 und 10 ml der Probe, mit einem In-
halt von ungefähr 2,5 8,6 Millionen nutzbaren Zellen, wur-
den schliesslich in drei Muskel der Kopf- und Schultergürtel-
muskulatur injiziert, deren Lockerung gerade bei Migräne
als schmerzlindernd bekannt ist. Die so durchgeführte Stu-
die demonstrierte damit, dass der Einsatz körpereigener, aus
Fettgewebe gewonnener Stammzellen bei der Behandlung
chronischer therapieresistenter Migräne schmerzlindernd
sein könnte.
Gesehen & gehört
NEWS GESEHEN & GEHÖRT NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 23
Schweizer Kinder
weniger fett als der
weltweite Durchschnitt
Die Zahl fettleibiger und übergewichtiger Kinder steigt weltweit rasant. In der
Schweiz ist das Problem nicht ganz so gross.
PETER EMPL
I
n der Schweiz sind 7 Prozent der Kna-
ben und Burschen bis 19 Jahre fettlei-
big, bei den Mädchen und jungen Frau-
en 4,6 Prozent, übergewichtig sind
indessen 19 Prozent der Schweizer
Kinder, wie aus Zahlen des Bundesamts für
Statistik hervorgeht. Hier zeigen sich aber
erste Präventions-Erfolge.
Wie ein Monitoring ergab, waren mit
jedem sechsten vor allem weniger Kinder-
gartenkinder zu schwer. Bei allen erfassten
über 12 000 Kindern in Basel, Bern und
Zürich ergab sich im Schuljahr 2015/16 ein
Rückgang des Body-Mass-Indexes um
0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Bei den Erwachsenen liegt die Schweiz mit
einem Anteil von 10,3 Prozent Fettleibiger
in 29 von einer OECD-Studie erfassten Län-
dern im Mittel. Fettleibig oder übergewich-
tig sind aber 41 Prozent der Bevölkerung,
wie das Bundesamt für Statistik herausfand.
Dabei sind doppelt so viele Männer betrof-
fen wie Frauen.
Weltweit haben acht Prozent der Kna-
ben und sechs Prozent der Mädchen mit
gravierendem Übergewicht zu kämpfen.
Das sind zehnmal so viele wie noch vor
vierzig Jahren. Während 1975 weltweit
etwa elf Millionen 5- bis 19-Jährige fettlei-
big waren, waren es im vergangenen Jahr
124 Millionen oder 1,25 Prozent dieser Al-
tersklasse.
Das berichten die Weltgesundheitsor-
ganisation (WHO) und das Imperial Col-
lege London zum Welt-Adipositas-Tag.
Weitere 123 Millionen Kinder seien über-
gewichtig. Wenn es so weitergeht, über-
trifft der Anteil übergewichtiger bis 2022
den Anteil untergewichtiger Kinder.
Bevölkerungswachstum nicht
Schuld
90 Prozent der Zunahme seien darauf zu-
rückzuführen, dass mehr Kinder deutlich
übergewichtig sind, nur zehn Prozent auf die
wachsende Bevölkerungszahl, sagte Haupt-
autor Majid Ezzati vom Imperial College.
«Eine erschütternde Veränderungsra-
te», sagte Fiona Bull von der WHO in Genf.
Werbung für ungesunde Snacks, hohe Preise
für gesunde Nahrungsmittel, weniger Bewe-
gung – diese Faktoren hätten zu dem Trend
beigetragen.
In Ländern mit hohem Einkommen
stiegen die Zahlen zwar nicht weiter, ver-
harrten aber auf viel zu hohem Niveau.
Alarmierend sei der Anstieg in ärmeren
Ländern und solchen mit mittleren Ein-
kommen, darunter in den bevölkerungsrei-
chen Ländern China und Indien.
Dramatisch ist die Situation in den
USA mit 23,3 Prozent adipöser Knaben
und 19,5 Prozent stark übergewichtiger
24 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 THEMA DICKE KINDER
Mädchen. Untergewicht durch Mangeler-
nährung ist dagegen vor allem in südostasi-
atischen Ländern wie Indien oder in eini-
gen Staaten Afrikas ein grosses Problem.
Diese Zahl geht nur geringfügig zurück.
Diverse Krankheiten sind die
Folge
Die WHO gibt Empfehlungen, um Fettlei-
bigkeit in der Kindheit zu beenden: Behör-
den in aller Welt müssten Familien besser
über gesunde Ernährung aufklären, junge
Mütter animieren, mindestens sechs Monate
lang ausschliesslich zu stillen, in Schulkan-
tinen gesünderes Essen anbieten und mehr
Sportmöglichkeiten für Kinder schaffen.
Wer heute mit 60 fettleibig sei, habe
meist im Alter von etwa 20 Jahren zuge-
nommen, sagte Ezzati. Künftige Generatio-
nen seien schon im Kindesalter überge-
wichtig gewesen. «Je länger die Menschen
zu hohes Gewicht haben, desto mehr Ge-
sundheitsprobleme haben sie», erklärte er.
Folgen der Fettleibigkeit seien ein
höheres Risiko für Diabetes, Krebs oder
Schlaganfälle, bei Kindern zudem auch
Mobbing in der Schule und Ausgrenzung im
Jugendalter, sagte Bull. Die Kosten für In-
terventionsprogramme seien deutlich niedri-
ger als die der Behandlung von Problemen
durch Übergewicht.
Für die Studie haben die Autoren Ge-
wicht und Grösse von fast 130 Millionen
Menschen analysiert, darunter 31,5 Millio-
nen zwischen fünf und 19 Jahren.
In der Gesamtbevölkerung hat sich die
Verbreitung von Übergewicht und Fettlei-
bigkeit nach früheren WHO-Studien zwi-
schen 1980 und 2014 mehr als verdoppelt.
Für die Einordnung wird der sogenannte
Body-Mass-Index zugrunde gelegt. Berech-
net wird er so: das Körpergewicht geteilt
durch das Quadrat der Körpergrösse. 25 gilt
als normal, 25 bis 30 als übergewichtig, 30
und mehr als fettleibig.
Quelle
BFS – Schweizerische Gesundheitsbefragung 2014
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Männer
Übergewicht und Adipositas, 2012
Bevölkerung in Privathaushalten ab 15 Jahren
© BFS, Neuchâtel 2014
Quelle: BFS – Schweizerische Gesundheitsbefragung (SGB)
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
1524
Jahre
25–34
Jahre
3544
Jahre
45–54
Jahre
55–64
Jahre
65 74
Jahre
75+
Jahre
20,3
7,5
33,5
9,5
41,9
14,3
44,2
16,2
46,7
16,6
49,0
12,2
39,2
Adipositas Übergewicht
Frauen
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
1524
Jahre
25–34
Jahre
3544
Jahre
45–54
Jahre
55–64
Jahre
65 74
Jahre
75+
Jahre
10,2
13,9
7,1
19,5
9,3
23,3
15,0
27, 2
14,1
33,5
13,1
34,8
3,2
3,9
5,0
Die aktuellste Tabelle des Bundesamtes für Statistik zum Thema Übergewicht. Die
Zahlen stammen aus der schweizerischen Gesundheitsbefragung, welche Bestandteil
des statistischen Mehrjahresprogramms des Bundes ist und seit 1992 alle fünf Jahre
durchgeführt wird.
Im Dorf der Vergesslichen
Erst vergisst man die Schlüssel, später den Heimweg, dann alles. Demenz ist eine
tückische Krankheit. In Dänemark leben Betroffene in einem besonderen Dorf. Ein
Zaun gibt ihnen Freiheit.
THERESA MÜNCH
O
ve ist der Hühner-Flüsterer. Am
Nachmittag kommen sie in sein
Wohnzimmer, sitzen auf sei-
nem Schoss. «Sie schauen gern
fern», sagt der 58-Jährige mit
dem dunkelgrauen Rauschebart. Sieben
Eier habe er heute früh gesammelt. «Ein
guter Tag.» Ein guter Tag auch, weil sich
Ove Hansen am Nachmittag noch an die
Eier vom Morgen erinnert. Das ist nicht
selbstverständlich, hier im Demenzdorf im
dänischen Svendborg.
Demenz, das beschreiben Betroffene
als Schwarze Löcher im Gedächtnis, als
Konfetti im Kopf. Das Gehirn verliert an
Leistung, es ist eine der häugsten Erkran-
kungen im Alter. Die Deutsche Alzheimer
Gesellschaft geht davon aus, dass allein in
Deutschland rund 1,6 Millionen Menschen
betroffen sind. Bei etwa zwei Dritteln geht
die Demenz auf eine Alzheimer-Erkrankung
zurück.
Am Anfang bekommen viele Betroffe-
ne noch mit, dass etwas nicht stimmt. Spä-
ter leben sie in einer Alternativwelt. In den
Supermarkt, zum Coiffeur – was einmal
selbstverständlich war, funktioniert plötz-
lich nicht mehr. Körperlich sind viele aber
so t, dass normale Pegeheime ihnen
nicht gerecht werden.
Kommune für Demenzkranke
Die Kommune Svendborg auf der däni-
schen Insel Fünen hat deshalb ein eigenes
Dorf für 125 Demenzkranke eingerichtet.
Es ist eine Stadt in der Stadt, mit Laden,
Coiffeur, Fitnessstudio, Café und Teich.
Hier kann man leben wie früher, in der ei-
genen Wohnung oder Wohngemeinschaft –
und doch geschützt.
«Wenn ich im Park laufen will, laufe
ich im Park», sagt die 81-jährige Jytte Voigt
bestimmt. «Am liebsten zusammen mit ei-
nem gut aussehenden Mann.» Jytte spricht
noch immer iessend Englisch doch von
einem Spaziergang im Ort würde sie wohl
nicht zurücknden. Im Demenzdorf kann
sie nicht verloren gehen. Es ist paradox:
Der Zaun am Ende von Strasse und Park
gibt den Bewohnern Freiheit. Die meisten
nehmen ihn gar nicht wahr.
«Es ist ein guter Weg, den Menschen
ein normaleres Leben zu geben», sagt
Svendborgs Bürgermeister Lars Erik Hor-
nemann. Das Demenzdorf sei Teil der
Stadt, «aber einer, in dem die Menschen
nicht die ganze Zeit beaufsichtigt werden
müssen». Die Bewohner sind zwischen 50
und 102 Jahre alt. Sie können spazieren ge-
hen, sich zum Kaffee verabreden, einkau-
fen. Schokolade ist der Bestseller im La-
den. Kommen Angehörige zu Besuch,
haben die Bewohner viel mehr zu erzählen
als in einem Heim. «Das macht auch das
Besuchen einfacher», sagt Projektleiterin
Annette Søby.
Demenzdörfer gibt es auch im nieder-
ländischen De Hogeweyk und in Deutsch-
land in der Nähe von Hameln in Tönebön
Im dänischen Demenzdorf Svendborg
nennen sie ihn den Hühner-Flüsterer.
Der 58-jährige Ove Hansen sitzt mit
einem Huhn auf dem Schoss in seinem
Wohnzimmer.
26 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 REPORTAGE KOMMUNE FÜR DEMENTE
Die Projektleiterin des Demenzdorfs in Svendborg, Annette Søby, im Wohnzimmer der
Einrichtung.
am See. In der Schweiz wurden entspre-
chende Projekte bereits angedacht, hierzu-
lande ist man aber noch weit weg von einer
Umsetzung.
Kein Einsperren der Patienten
In Dänemark sind die Demenzkranken in
Svendborg nicht eingesperrt. «Das verbie-
tet in Dänemark das Gesetz», sagt Søby.
Theoretisch kann jeder Bewohner hinaus-
gehen in die Nachbarschaft – wenn er den
Ausgang ndet. «Dann haben sie ein GPS,
so dass wir sie im Notfall aufspüren kön-
nen.» Viele aber sehen den gut versteckten
Ausgang nicht. Die mit Folie beklebte
Glas tür ist so unscheinbar, dass man dann
doch lieber nebenan ins Café geht.
«Verglichen mit dem durchschnittlichen
Pegeheim sind Demenzdörfer in jedem Fall
ein Fortschritt», sagt Susanna Saxl von der
Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Die Ein-
richtung müsse aber Teil der Nachbarschaft
sein – was zumindest in De Hogeweyk und
Tönebön nicht funktioniere. In Svendborg
soll ein Kinderspielplatz gebaut werden, für
die Enkel der Bewohner und für die Nach-
barkinder. Jeder könne hier spazieren gehen
oder seinen Hund ausführen, sagt Søby. «Wir
wollen ein offener Ort sein.»
Ausland reagiert skeptisch
Auch der Nürnberger Demenzforscher
Wolf Dieter Oswald hält wenig von reinen
«Dörfern der Alten». In der Pege müsse es
genau wie in der Behindertenhilfe Konzep-
te von sozialer Teilhabe und Inklusion ge-
ben, fordert er. Søby entgegnet: «Es gibt
einen Grund, dass die Menschen hier sind.»
Sie kämen ungeschützt eben nicht mehr zu-
recht.
Im einigen Demenzdörfern lebten die
Bewohner in einer Scheinwelt wie in der
«Truman Show», sagen Kritiker. In dem
Spiellm mit Jim Carrey in der Hauptrolle
weiss der Versicherungsangestellte Truman
Burbank nicht, dass er Teil einer Fernseh-
serie ist und dass sein Leben seit seiner Ge-
burt von Schauspielern in einer Kulisse
begleitet wird.
«Es ist eben kein richtiges Dorf»,
meint auch Saxl zum Projekt in Svendborg.
Im holländischen De Hogeweyk gibt es so-
gar eine Bushaltestelle, an der niemals ein
Bus hält. Trotzdem sitzen die Alten hier
und warten. «Man macht ihnen etwas vor»,
kritisiert Søby. «Wir wollen keine Kulisse
sein, kein Theater. Es geht doch um echte
Menschen.» Dann lieber Kaninchen, Erd-
beerfelder und Rüeblibeete. Oder eben
Hühner, die echte Eier für echten Kuchen
legen. «Hühner hatte ich schon immer»,
sagt Ove. Daran kann er sich erinnern.
Quelle: dpa
Verglichen mit dem durchschnittlichen Pflegeheim
sind Demezdörfer in jedem Fall ein Fortschritt.
REPORTAGE KOMMUNE FÜR DEMENTE NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 27
Asylsuchende leiden
laut Studie oft unter
Depressionen
Das lange Warten auf einen Asylentscheid und die Angst vor der Rückschaffung
führen bei Flüchtlingen oft zu einer Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit.
MICHI RÜEGG
D
er Befund einer entsprechenden
Untersuchung von Psychologen
der Universitäten Genf und
Neuenburg ist eindeutig: Drei
Forscherinnen der Universitäten
Genf (UNIGE) und Neuenburg (UNINE)
haben ein gutes Dutzend Studien ausgewer-
tet und zusammengefasst, die zwischen
2007 und 2017 in verschiedenen europäi-
schen Ländern, darunter die Schweiz,
durchgeführt wurden. Die Arbeit zeigt auf,
dass posttraumatische Belastungsstörungen
wie Depressionen bei Migranten durch
schwierige Aufnahmebedingungen verstärkt
oder neu ausgelöst werden.
Die Dauer des Asylverfahrens, die Furcht
vor der Rückschaffung und die Konfronta-
tion mit Vorurteilen oder Diskriminierung
seien zermürbend und überforderten die
Widerstandsfähigkeit der Flüchtlinge,
schreiben die Forscherinnen in einer Mit-
teilung vom Freitag. Die meisten von ih-
nen verkrafteten die Situation schlecht:
Alkoholismus, Depressionen, Atempro-
bleme oder psychosomatische Schmerzen
seien die Folge.
Diese psychosomatischen Beschwer-
den seien echte Schmerzen, aber meist ohne
körperlichen Grund. Sie seien Ausdruck der
psychologischen Hilosigkeit und Not, ver-
knüpft mit den Schwierigkeiten der Migra-
tion, hielt Gail Womersley von der Univer-
sität Neuenburg fest. Sie befragte die
Flüchtlinge direkt in Lagern in Athen und
ist überzeugt, dass diese Beschwerden
durch bessere Aufnahmebedingungen zum
Teil vermieden werden könnten.
Hohe Hürden
Die Ungewissheit über den künftigen Auf-
enthaltsstatus, namentlich der Ausweis F der
vorläugen Aufnahme, der jeweils nur für
die Dauer eines Jahres ausgestellt werde,
versperre laut den Forscherinnen vielen
Flüchtlingen den Zugang zum Arbeitsmarkt.
Der Ausweis sei bei den Arbeitgebern kaum
bekannt, weshalb viele sehr zurückhaltend
mit der Anstellung von Flüchtlingen mit
Ausweis F seien, obwohl diese rechtmässig
arbeiten dürften.
Die Asylbewerber seien somit mit wi-
dersprüchlichen Erwartungen konfrontiert
und seien gefangen zwischen der Anforde
-
rung an eine rasche Integration und den
Hürden, die ihnen eben für diese Integra-
tion in den Weg gestellt würden. Laut den
Forscherinnen der Universitäten Genf und
Neuenburg müssten die Wartezeiten ge
-
kürzt und eine integrative Politik eingeführt
werden, welche den Flüchtlingen ein Ge
-
fühl der Zugehörigkeit zu einer Gemein-
schaft geben würde.
28 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 STUDIE ASYL & DEPRESSION
Auch abgestorbene Gehirnzellen sollen sich eines Tages regenerieren – die Anwen-
dung geschieht mittels einfacher Injektion.
E
in internationales Forscherteam
hat ein neues Hydrogel entwi-
ckelt, welches das Wachstum
von Blutgefässen und Körperge-
webe nach einer Verwundung
oder einem Schlaganfall in Gang setzt und
so die Folgen lindert oder gar zu einer völ-
ligen Gesundung führt. Normalerweise, so
Tatiana Segura, Professorin für Biochemie
und Dermatologie an der University of Ca-
lifornia, helfe der Körper sich nach Verlet-
zungen selbst.
Eine wichtige Rolle spielen dabei Inte-
grine, das sind Proteine, die unter anderem
dafür sorgen, dass Zellen sich aneinander-
reihen, sodass sich Lücken im Gewebe
schliessen. Im Gehirn ndet dieser Prozess
nicht statt. Aus diesem Grund suchen Medi-
ziner nach einer Möglichkeit, das Wachstum
von Gewebe und Blutgefässen im Gehirn
anzuregen.
Gerüst für neue Blutgefässe
Das Hydrogel, an dessen Entwicklung ver-
schiedene Experten beteiligt waren, wird
einfach injiziert. Es unterstützt den Hei-
lungsprozess, indem es eine Art Gerüst bil-
det, um das herum neues Gewebe entsteht.
«Das Gerüst, welches das Gel bildet, ist
vergleichbar mit einem Spalier für Panzen
im Garten», sagt Segura. Das Gel enthalte
zudem ein «Düngemittel», das für ein star-
kes und gesundes Wachstum von Gewebe
und Blutgefässen sorge.
Neues Hydrogel lässt
Gefässe und Gewebe
wachsen
DAPHNE HAFNER
Die Forscher kombinierten das Gel anfangs
nur mit einem Protein namens Vascular En-
dothelial Growth Factor (VGEF). Die Blut-
gefässe, die sich daraufhin bildeten, waren
jedoch porös und lagen zu dicht beieinan-
der. Dann kombinierten sie VGEF mit un-
terschiedlichen Integrinen. Besonders gut
funktionierte es mit einem speziellen Inte-
grin. Es sorgte für eine gute Wundheilung
und eine Regeneration von Blutgefässen.
Das konnte bei Versuchen mit Mäusen
nachgewiesen werden.
Anwendung im Gehirn als Ziel
Im Gehirn funktioniert das Hydrogel bisher
noch nicht perfekt. Die Forscher hoffen
aber, dass es mit anders zusammengesetzten
Hydrogelen besser werde. Bisher seien Be-
handlungserfolge nach Schlaganfällen nur
möglich, wenn unmittelbar nach der Blocka-
de von Adern gehandelt werde, sagt Seguras
Kollege Thomas Carmichael. Wenn Gewe-
be einmal abgestorben sei, lasse es sich nicht
mehr regenerieren. «Unsere Forschung ist
so aufregend, weil sie einen gangbaren Weg
zeigt, das nach einem Schlaganfall abgestor-
bene Gewebe durch das Wachstum von neu-
en Adern zu regenerieren», unterstreicht
Carmichael abschliessend.
FORSCHUNG INNOVATION NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 29
Info
Studie: Mozart-Musik soll epi-
leptischen Anfällen vorbeugen
Mozart-Musik soll bei Epilepsie-Kranken Anfällen vorbeugen
können. Dies geht aus einer Studie des Instituts Serafico in
Assisi (Italien) hervor, das auf die Behandlung von Kindern und
Jugendlichen mit schweren Behinderungen spezialisiert ist.
Laut dem Direktor des Instituts, Sandro Elisei, hat das
Hören der Mozart-Sonate K448 positive Auswirkungen bei
der Behandlung von Epilepsie.
Bei jedem zweiten Patienten sei beim regelmässigem
Hören des Stücks ein Rückgang von 21 Prozent der epilepti-
schen Anfälle festgestellt worden. In zehn Prozent der Fälle
seien diese Anfälle ganz verschwunden.
An der Forschung beteiligten sich Personen, bei denen
sich trotz Behandlung mit Medikamenten keine Besserung
eingestellt und die im Halbjahr vor Beginn der Studie min-
destens zwei epileptische Anfälle erlitten hatten. Die Patien-
ten hörten sechs Monate lang täglich 30 Minuten der Mo-
zart-Sonate.
Neben einer Reduzierung oder dem Verschwinden der
epileptischen Anfälle wurde auch eine Besserung der Le-
bensqualität der Patienten festgestellt. Sie wirkten weniger
nervös.
Die positiven Auswirkungen der Mozart-Musik waren je-
doch temporär. Nach einigen Monaten, in denen sie nicht
mehr die Sonate gehört hatten, traten bei den Patienten die
epileptischen Anfälle wieder auf.
Krankenkassenprämien:
Schweizer halten Gesundheits-
politiker für unfähig
92 Prozent der Schweizer sind davon überzeugt, dass auch
im nächsten Jahr die Krankenkassenprämien wieder deut-
lich steigen werden. Gleichzeitig halten 62 Prozent aller
Schweizer ihre Gesundheitspolitiker für unfähig, das Ge-
sundheitssystem zu reformieren. Zudem sind die Befragten
überzeugt, dass die Pharmaindustrie und eingebildete Kran-
ke die grössten Kostentreiber sind. Das zeigt eine repräsen-
tative Umfrage des Internetvergleichsdienstes comparis.ch.
Herr und Frau Schweizer rechnen auch für nächstes
Jahr wieder mit einer Prämienerhöhung. 47 Prozent gar mit
einem deutlichen Schub von 4 bis 6 Prozent. Nur jeder zwan-
Erfundenes Krebsleiden:
Internet-Star muss zahlen
Wegen einer frei erfundenen Geschichte über ihre vermeint-
liche Krebserkrankung ist die australische Bloggerin Belle
Gibson kürzlich zu einer Geldstrafe von umgerechnet rund
300 000 Franken verurteilt worden.
zigste Schweizer (5,3 Prozent) geht davon aus, dass die Kran-
kenkassenprämien nächstes Jahr für einmal nicht steigen
werden. Die sich stetig weiterdrehende Prämienschraube
überfordert dabei viele Familien: 28 Prozent geben an, ihren
finanziellen Spielraum dafür aufgebraucht zu haben.
Die Befragten glauben nicht, dass die Politik den unge-
bremsten Kostenanstieg und die unaufhörlich steigenden
Krankenkassenprämien bald in den Griff bekommen werde:
62 Prozent trauen den Politikern nicht zu, das Gesundheits-
system zu reformieren und den Kostenanstieg zu bremsen.
30 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 INFO NATIONAL & INTERNATIONAL
Info
Spitzenmedizin: Herztrans-
plantationen sollen in Bern,
Lausanne und Zürich bleiben
Herztransplantationen sollen auch künftig an den drei Uni-
spitälern Zürich, Bern und Lausanne durchgeführt werden.
Dies empfiehlt das Fachorgan für Hochspezialisierte Medizin
(HSM) der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren
(GDK) dem HSM-Beschlussgremium.
Auch die übrigen Zuordnungen im HSM-Bereich «Organ-
transplantationen bei Erwachsenen» seien weiter gerecht-
fertigt, schreiben die Experten in einem Bericht. Da keine
Neubewerbungen vorlägen, stelle sich die Frage nach der
Zulassung zusätzlicher Leistungserbringer für die nächsten
sechs Jahre nicht.
Zum entsprechenden HSM-Bereich gehören neben den
Herz- auch Leber-, Lungen-, Nieren- sowie Pankreas- und
Inseltransplantationen. Leistungen dürfen insgesamt sechs
Spitäler erbringen: Neben den Unispitälern Zürich, Bern und
Lausanne sind dies jene in Basel und Genf sowie das
nicht-universitäre Kantonsspital St. Gallen.
Um die Vergabe der Leistungsaufträge bei Herztrans-
plantationen wird seit Jahren gerungen. Während die drei
bisherigen Auftragsempfänger ihre Zulassung behalten wol-
len, verlangen Kritiker, dass wegen der schweizweit sehr
kleinen Fallzahlen mittelfristig eine Reduktion auf maximal
zwei Zentren angestrebt werden solle.
Mit zunehmendem Alter steigt
das Risiko einer Spitaleinweisung
Ab dem 60. Altersjahr landen in der Schweiz zwei von zehn
Personen mindestens einmal jährlich im Spital. Wegen der
steigenden Lebenserwartung erfolgt der Spitaleintritt jedoch
immer öfter erst in höherem Alter.
Zwischen 2010 und 2015 nahm die Zahl der Hospitalisie-
rungen von Patienten ab 60 Jahren um rund 10 Prozent zu,
wie aus einer Publikation des Bundesamtes für Statistik
(BFS) hervorgeht. Mit über 660 000 betraf 2015 mehr als die
Hälfte aller Spitalaufenthalte diese Altersklasse. Dies, ob-
wohl nur ein Viertel der Schweizer Bevölkerung 60-jährig
oder älter ist.
Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko einer Spitalein-
weisung, wobei es bei den Männern generell grösser ist als
bei den Frauen. Die höchsten Hospitalisierungsraten werden
bei den 90- bis 94-Jährigen beiderlei Geschlechts verzeich-
net: Bei den Männern kommen auf 1000 Personen 709 statio-
näre Spitalaufenthalte, bei den Frauen 568.
2006 hatte die Höchstrate noch in der Altersklasse der
85- bis 89-Jährigen gelegen. Dass stationäre Spitalaufent-
halte in einem zunehmend höheren Alter erfolgen, lässt sich
gemäss BFS teilweise mit der steigenden Lebenserwartung
in guter Gesundheit erklären, ferner mit einer veränderten
ärztlichen Praxis, bei der Eingriffe auch in einem höheren
Alter durchgeführt werden.
Männer ab 60 Jahren werden am häufigsten wegen Herz-
Kreislauf-Krankheiten hospitalisiert. Bei Frauen stehen bis
zum Alter von 79 Jahren Krankheiten des Muskel-Skelett-Sys-
tems im Vordergrund. Ab 80 Jahren führen Herz-Kreis-
lauf-Krankheiten und Verletzungen die Rangliste der häu-
figsten Diagnosen bei den Frauen an.
Sämtliche Krankheiten treten bei Personen ab 60 häufiger
auf als bei jüngeren Personen. Einzige Ausnahmen sind psy-
chische Krankheiten und Verhaltensstörungen. Sie sind bei
den 60- bis 79-Jährigen seltener die Ursache für eine Hospi-
talisierung als bei den 20- bis 59-Jährigen.
Die 25-Jährige hatte behauptet, einen Hirntumor mit ayur-
vedischer Medizin, Sauerstofftherapie sowie dem Verzicht
auf Gluten und Zucker überwunden zu haben. In Wahrheit
war sie jedoch nie an Krebs erkrankt gewesen. Ein Gericht in
Melbourne befand sie nun der vorsätzlichen Täuschung für
schuldig.
Die Geschichte über ihre vermeintliche Heilung hatte
Gibson zu einiger Prominenz verholfen. Mit ihrem Blog, einer
eigenen App und dem Verkauf eines Buchs kam sie auf Ein-
nahmen von rund 420 000 australischen Dollar, was in etwa
den 300 000 Franken entspricht. Den Blog «The Whole Pan-
try» und die App gibt es nicht mehr.
INFO NATIONAL & INTERNATIONAL NOVEMBER 2017 ALTA VISTA 31
Ein Fünftel der Berufs-
tätigen verlässt Gesund-
heitsbranche
Fünf Jahre nach dem Lehrabschluss als Fachfrau oder Fachmann Gesundheit hat
ein Fünftel der Berufstätigen die Gesundheitsbranche bereits wieder verlassen.
STEPHAN INDERBIZIN
E
ine kürzlich veröffentlichte Stu-
die über Berufslaufbahnen von
Fachfrauen und Fachmännern
Gesundheit (FaGe) ermöglicht
es erstmals, schweiz-
weit die Berufs- und Bildungsverläufe von
FaGe bis fünf Jahre nach ihrem Lehrab-
schluss im Jahr 2011 darzustellen.
Fünf Jahre nach dem Lehrabschluss
befanden sich demnach noch 80 Prozent
der ausgebildeten FaGe im Gesundheits-
wesen, darunter 54 Prozent auf der tertiä-
ren Bildungsstufe Gesundheit. 26 Prozent
arbeiteten noch im erlernten Beruf, 20 Pro-
zent hatten das Gesundheitswesen bereits
verlassen.
Mit 54 Prozent liege der Anteil der
Übertritte in einen tertiären Gesundheitsbe-
ruf noch etwas zu tief. Gemäss den jüngs-
ten Empfehlungen seien für den künftig
erforderlichen Personalbestand 60 Prozent
nötig.
Hinzu komme, dass die anvisierte Ver-
bleibequote im Beruf FaGe von 40 Prozent
bei den befragten Absolventinnen und Ab-
solventen nur zu zwei Dritteln erreicht wor-
den sei. Solange es nicht gelinge, zusätzli-
che Fachkräfte über andere Zugangswege in
das Gesundheitswesen zu rekrutieren, müss-
te die Ausstiegsrate von 20 Prozent deutlich
gesenkt werden, heisst es weiter.
Gemäss aktuellen Prognosen steigt der
Personalbedarf in den Gesundheitsberufen
weiter an. Bis zum Jahr 2025 muss der Per-
sonalbestand in den Gesundheitsberufen
um 20 bis 30 Prozent auf rund 220 000 Be-
schäftigte erhöht werden. Dies, weil durch
die Überalterung der Gesellschaft immer
mehr pegerische Leistungen in Anspruch
genommen werden.
32 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 PERSONALSTUDIE BERUFSWAHL FAGE
Attraktivität muss gesteigert
werden
Einerseits müsse es attraktiver werden, um
langfristig im Beruf FaGe zu arbeiten, for-
dern die Verantwortlichen gestützt auf die
Studie. Anderseits müsse sichergestellt
werden, dass die ebenso wichtige Höher-
quali zierung an den höheren Fachschulen
und Fachhochschulen Gesundheit nicht
unattraktiv werde.
Verantwortliche der Berufsbildung und der
Betriebe werden deshalb angehalten, attrak-
tive, bedarfsgerechte und klare Berufspro -
le sowohl für erwerbstätige FaGe als auch
für tertiär quali ziertes P egefachpersonal
zu schaffen.
Die beru iche Mobilität innerhalb der
Branche müsse gefördert werden, indem
Wechsel zwischen den Arbeitsbereichen
erleichtert würden. Zudem müssten exib-
le Weiterbildungsmöglichkeiten und Ar-
beitszeitmodelle geschaffen werden, um
die Vereinbarkeit von Beruf und Privatle-
ben zu erleichtern.
Gerade Menschen mit einem über-
durchschnittlichen schulischen Leistungs-
ausweis seien kaum mehr im Gesundheits-
wesen tätig. Möglicherweise sei ihnen das
Hochschulangebot der Gesundheitsberufe
nicht bekannt oder nicht attraktiv genug.
Zudem würden zunehmend Ausstiege
wegen Familienphasen auftreten. Mass-
nahmen, um den Wiedereinstieg nach einer
Familienpause zu fördern, seien daher
schon wenige Jahre nach Lehrabschluss
sinnvoll und nötig. Vor allem aber müssten
quali zierte Mitarbeitende, auch nachdem
sie eine Familie gegründet hätten, dem Ge-
sundheitswesen erhalten bleiben.
Bessere Work-Life-Balance nötig
Massnahmen zum Personalerhalt sollten
vor allem da ansetzen, wo es darum gehe,
Arbeitsaufgaben zu gestalten und die
Work-Life-Balance zu verbessern. Indivi-
duelle Arbeitspensen könnten zudem hel-
fen, Überforderung und Überlastung zu
vermeiden und die Vereinbarkeit von Beruf
und Privatleben zu erhöhen.
Der neue Lehrabschluss Fachfrau und
Fachmann Gesundheit (FaGe) auf Sekun-
darstufe II existiert seit 2004. Der Beruf
belegt bereits Platz drei der meist gewähl-
ten Berufslehren. Mit 4091 Lehrabschlüs-
sen mache er gemäss Angaben des Bundes-
amtes für Statistik von diesem Jahr sieben
Prozent aller verliehenen eidgenössischen
Fähigkeitszeugnisse aus.
An der Laufbahnstudie FaGe beteilig-
ten sich in einer ersten Befragung nahezu
sämtliche 2289 Lernende des Abschlussjahr-
gangs 2011. An den folgenden beiden Erhe-
bungen nahm jeweils etwa die Hälfte teil.
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Die berufliche Mobilität
innerhalb der Branche
muss gefördert werden.
Umstrittene Anpassung
der Franchise
Die rechten Parteien und die Krankenversicherer wollen höhere Franchisen.
Linke, Grüne und die SKOS befürchten daher einen Anstieg der Sozialhilfekosten.
STEPHAN INDERBIZIN
D
er Bundesrat will die Franchisen
an die Entwicklung der Gesund-
heitskosten anpassen, das wurde
im Oktober bekannt gegeben.
Wir haben die Details für Alta-
Vista zusammengefasst: Angestrebt wird ein
Verhältnis von 1 : 12 zwischen der Grund-
franchise von heute 300 Franken und den
massgeblichen Kosten. Ist das Verhältnis
1 : 13 erreicht, soll die Grundfranchise um
50 Franken erhöht werden. Die bürgerlichen
Parteien hoffen vor allem, dass die Versi-
cherten sich so der von ihnen verursachten
Kosten besser bewusst werden. Es müsse
aufhören, dass die Leute wegen jedem
kleinsten Wehwehchen zum Arzt rennen
würden, argumentieren etwa CVP und BDP.
Generell höhere Franchisen
gefordert
SVP und FDP unterstützen die Bestrebun-
gen des Bundesrats, auch wenn es sich in
den Augen der SVP nur um den sprichwört-
lichen Tropfen auf den heissen Stein han-
delt. Mit der Anpassung der Franchisen an
die Kostenentwicklung könne die Kosten-
explosion im Gesundheitswesen noch lan-
ge nicht aufgehalten oder auch nur einge-
dämmt werden.
SVP und FDP würden generell eine Er-
höhung der ordentlichen Franchise begrüs-
sen. Die Prämienzahler müssten ihren Teil
an der Verantwortung für die steigenden Ge-
sundheitskosten übernehmen, fordern auch
die Grünliberalen.
In die gleiche Richtung zielen auch die Stel-
lungnahmen der Krankenversicherer. Santé-
suisse schlägt zur deutlichen Stärkung der
Selbstverantwortung vor, die ordentliche
Franchise in einem ersten Schritt auf
600 Franken zu erhöhen. Danach sei das
vom Bundesrat geplante Vorgehen geeignet.
Auch Curafutura erwartet bei der Stan-
dardfranchise von heute 300 Franken einen
substanziellen ersten Anpassungsschritt.
Dieser sei angesichts der Kostenentwick-
lung seit 2004 ohnehin längst fällig. Der
Verband schlägt einen ersten initialen Erhö-
hungsschritt bei der Standardfranchise auf
mindestens 500 Franken vor.
Weniger Arztbesuche erwartet
Ganz anders sehen es Linke und Grüne. Die
SP meldet grundsätzliche Opposition an.
Auf die Kostenentwicklung werde diese
Massnahme kaum einen Ein uss haben.
Aber auf individueller Basis werde sie mehr
Probleme verursachen als lösen. So würden
noch weniger Versicherte einen Arzt aufsu-
chen, weil sie höhere Kosten befürchteten.
Die Grünen sprechen von einer Entsoli-
darisierung der Krankenversicherung. Mit
Kopfprämien, Franchisen und Selbstbehalt
sei die einkommensunabhängige Belastung
bereits über einer sozial vertretbaren Schwel-
le. Die schweizerische Konferenz für Sozial-
hilfe (SKOS) befürchtet, dass noch mehr
Menschen wegen der höheren Franchise auf
Sozialhilfe angewiesen sein werden.
34 ALTA VISTA NOVEMBER 2017 POLITIK KRANKENKASSEN
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